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ai-Journal Dezember 2003 / Januar 2004

Interview mit Roger Willemsen: „Obszönes Verhältnis zum Grauen“

Auf der Frankfurter Buchmesse war der Schriftsteller und TV-Moderator Roger Willemsen an mehreren ai-Veranstaltungen beteiligt. Willemsen, seit Jahren engagierter Menschenrechtler und ai-Botschafter, spricht mit dem ai-JOURNAL über seine Arbeit für ai und über Menschenrechtsthemen in den Medien.

ai-JOURNAL: Wie bewerten Sie die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an die Amerikanerin Susan Sontag?

Roger Willemsen: Mit Susan Sontag wurde eine Humanistin und somit Anwältin der Menschenrechte ausgezeichnet. Die Ironie der Geschichte will, dass in diesem Jahr Friedensnobelpreis und Friedenspreis des deutschen Buchhandels an politisch engagierte Frauen gegangen sind, und dass in beiden Fällen die Regierungen „not amused“ waren. Da haben der Iran und die USA also etwas gemeinsam.

Finden Sie es wichtig, dass Organisationen wie amnesty international auf der Buchmesse vertreten sind?

Roger Willemsen: Eine Buchmesse feiert Kultur. Wie steril und harmlos wäre ein Begriff von Kultur, der nicht die Achtung der Menschenrechte, ja, die Arbeit für diese als Teil der Kultur begriffe. Ich kann doch nicht gut Einfühlung in menschliche Leidensgeschichte in der Literatur pflegen und sie außerhalb der Literatur ignorieren.

Seit Jahren treten Sie in der Öffentlichkeit als ai-Botschafter auf. Seit wann engagieren Sie sich für ai?

Roger Willemsen: Ich habe mich schon, bevor ich zum Fernsehen ging, mit Afrika-Themen und der Arbeit gegen Folter und Todesstrafe beschäftigt. Als ich dann mit meinem Interview-Magazin auf Sendung ging, saß ich immer wieder Opfern gegenüber – Folteropfern, Kriegsopfern, Opfern häuslicher Gewalt, aber auch Politikern, die Menschenrechtsfragen mit Phrasen beantworteten. Da empfand ich es nahezu als Pflicht, meine öffentliche Wirkungsmöglichkeit der wichtigsten Nichregierungsorganisation in Menschenrechtsfragen zur Verfügung zu stellen und wurde Botschafter für amnesty international.

Der Kampf gegen die Todesstrafe ist ein Kernanliegen von ai. Sie haben unter anderem ein Interview mit Roger Keith Coleman geführt, der in den USA in der Todeszelle saß und hingerichtet wurde.

Roger Willemsen: Das TV-Interview werde ich nie vergessen. Ich habe Coleman per Satelliten-Schaltung in der Todeszelle interviewt. Unserer Redaktion war es wichtig, Coleman einmal so zur Sprache kommen zu lassen, dass man seine Lebensumstände verstehen konnte. Was sieht er, wenn er aus dem Fenster schaut, welches Foto steht bei ihm auf dem Tisch, hat er Zugang zu seinen Prozessakten und so weiter.

Coleman wurde mit sämtlichen Formen der Rechtsbeugung der Prozess gemacht, wie wir sie dem Iran nicht anders unterstellen würden. Susan Sontag hat übrigens einmal gesagt, sie sei im Grunde zur Vertreterin der amerikanischen Gegenöffentlichkeit ernannt worden, weil sie gegen die Todesstrafe sei. Das reicht also schon aus. Bis zuletzt hatten wir auf Colemans Begnadigung gehofft. Am Abend seiner Hinrichtung waren zwei Redakteure von uns vor Ort. Sie haben von dem riesigen Medienaufkommen berichtet, und dass sie sich gegen Angriffe von Kollegen schützen mussten, als herauskam, dass sie gegen dieses Urteil waren.

Als Henkersmahlzeit hatte sich Coleman eine Pizza gewünscht. Von dieser Pizza hat er einem Journalisten ein Stück abgegeben. Dadurch wurde bekannt, dass der Gefängniswärter diese Pizza extra kalt serviert hatte. Das sind diese ganz kleinen, tief barbarischen Züge des Durchschnittsmenschen, der zu Hause seine Familie hat und der entscheidet, jemanden, der 18 Jahre in der Todeszelle gesessen hat- und das nachgewiesenermaßen unschuldig- persönlich zu bestrafen, indem er sich die Mühe macht, seine Pizza abkühlen zu lassen.

Colemans Schicksal beschäftigt mich bis heute sehr. Ich habe mehrfach darüber geschrieben. Für mich ist Literatur ein permanenter Appell an die Fähigkeit, sich einzufühlen. Leser sein kann man nicht, ohne Geschichten zu entziffern, und wenn man das tut, dann entziffert man sie in sich selbst. Dass man dann da, wo man ihnen in der Wirklichkeit begegnet, versucht, eine Antwort zu finden, die nicht schriftlich ist, das zeichnet die Arbeit von ai aus.

Sollten nicht auch die Medien Öffentlichkeit für Menschenrechtsthemen schaffen?

Roger Willemsen: Nachrichten werden strohfeuerartig aufgenommen und genauso schnell wieder vergessen. Sähen wir den Nachrichtenmachern beim Auswählen der Meldungen zu, dann wüssten wir präziser, was unseren Nachrichtenhaushalt leitet. Ich habe einmal auf der Basis von Analysen Walter Michlers untersucht, wie viele Minuten sich die „Tagesthemen“ mit Afrika südlich der Sahara beschäftigt haben, bevor die Deutschen nach Somalia gegangen sind. Von insgesamt 11.000 untersuchten Sendeminuten „Tagesthemen“ entfielen gerade einmal anderthalb Minuten auf dieses Gebiet.

Wir haben übrigens die „Tagesthemen" frühzeitig auf den Fall Coleman aufmerksam gemacht, und die dortige Redaktion war auch interessiert, aber nur an der Hinrichtung. Über die haben sie berichtet.

Bevor ich in den Kongo gereist bin, habe ich versucht, mich in den Medien über die politische Situation im Kongo zu informieren. Die Artikel begannen mit den Sätzen: „Die kleine Elsara liegt im Straßengraben, sie hat nur noch ein Bein...“ oder: „Die Häscher kamen um Mitternacht...“ aber über die politische Situation habe ich nichts erfahren.

All dies zeugt von einem obszönen Verhältnis zum Grauen, und darauf versuchen Organisationen wie ai zu antworten. Dieses kontinuierliche Andenken gegen das, was Medien an Wichtigkeiten vorschreiben, muss selbstverständlich werden.

In der Demokratischen Republik Kongo werden derzeit rund 30.000 Kinder als Soldaten missbraucht.

Roger Willemsen: Der Weg von uns bis zu diesen Kindern ist kürzer, als wir es vielleicht wahrhaben wollen. Unsere Regierungen und unsere Firmen arbeiten mit diesen Regimen zusammen. Waffen werden weiterhin unkontrolliert in Krisengebiete geliefert, sie sind inzwischen immer leichter zu bedienen und werden immer billiger. Ich hoffe sehr, dass die ai-Kampagne für eine Kontrolle des Waffenhandels (siehe ai-JOURNAL 11/2003, Anm. d. Red.) weltweit eine breite Unterstützung erfährt.

Wo sollte ai Ihrer Meinung nach in zehn Jahren stehen?

Roger Willemsen: Nach dem elften September 2001 hatte ich befürchtet, dass es Menschenrechtsfragen außerordentlich schwer haben werden. Das hat sich bewahrheitet. Bundeskanzler Schröder hat dabei gleich eine doppelt ungute Rolle gespielt: Er kommt aus China zurück und antwortet auf die Frage, ob er Menschenrechte angesprochen habe: „Das war doch immer nur ein Ritual.“ Ich habe mehrmals chinesische Dissidenten interviewt, die im Gefängnis gesessen haben, darunter auch Wei Jingsheng. Überlegen Sie einmal, was es für diese Menschen bedeutet, sich so einen Satz anhören zu müssen! Aber auch, was es auch für Menschenrechtsorganisationen heißt, wenn sich jemand so zu den Menschenrechten in China äußert, wo es Folter, öffentliche Schauprozesse, Hinrichtungen in Fußballstadien gibt.

Und wenn derselbe Schröder bei seinem Besuch Putins sagt, der Tschetschenien-Krieg müsse nach dem elften September neu bewertet werden, dann möchte ich wirklich wissen, was die Terroranschläge in den USA mit der Bewertung des Kriegs im Kaukasus zu tun haben, wenn nicht, das es nun heißt, wenn uns Putin in der „Allianz gegen den Terror“ hilft, dann machen wir ihm keinen Ärger mehr in Tschetschenien.

Putin wurde auf der Buchmesse im Günter-Grass-Verlag in einem Coffeetable-Book fotografisch sensibel gewürdigt. Da fragt man sich, was in den Köpfen der Verlagsleute vorgeht und kann nur zu der Antwort kommen: In puncto Menschenrechte zu wenig. Und wenn man das feststellt, dann wird einem klar, dass ai mehr Unterstützung denn je braucht. Denn wer sonst sieht das Thema Menschenrechte noch als seine Sache an?

Ich wünsche mir, dass ai die Bevölkerung erreichen kann und dass sich in ai eine Gegenöffentlichkeit abbildet. Wenn das funktioniert, dann hat ai das Potenzial, eine Form von Massenbewegung einzuleiten, die am Ende sogar Politik verändern könnte.

Interview: Nina Tesenfitz

Die Autorin ist stellvertretende Pressesprecherin der deutschen ai-Sektion.

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