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Na ja, als ganz kleine Randnotiz und tatsächlich ohne eindeutig negative Kommentierung meldet es Spiegel Online auch mal. Aber so wichtig wie Senator Bidens Äußerungen zum Ausschluß der Kriegsgegner von den Irak-Aufträgen ist es natürlich nicht...:

Mehr als 10.000 Iraker demonstrierten in Bagdad für Frieden und gegen den bewaffneten Widerstand von Anhängern des entmachteten Regimes. Die Teilnehmer des Protestmarsches trugen Bilder des bei einem Selbstmordanschlag getöteten Schiitenführers Ajatollah Mohammed Bakr al-Hakim und des radikalen jungen Predigers Muktada al-Sadr. Planungsminister Hafis al-Mahdi nannte die Kundgebung "ein großes Ereignis in der Geschichte des neuen Irak".

Die Welt brachte heute Morgen einen kleinen Beitrag (dpa).

Auf eine solche Demonstration habe ich lange gewartet. Leider waren die Teilnehmerzahlen bei fundamentalistischen Kundgebungen viel höher, aber es ist immerhin ein Anfang. Daß im Irak viele Frauen unverschleiert sind, hat neben einer traditionell liberalen Auffassung des Islam in einigen Bevölkerungsteilen (v.a. bei den Kurden!) allerdings indirekt auch mit dem völkischen Laizismus der Baath-Ideologie zu tun (das ist eine Tatsache, keine Rechtfertigung!).

Hoffentlich wird die Bewegung für einen demokratischen Irak breiter. M. E. wird dem Phänomen der 'saddamistischen Wehrwölfe' und ihres Terrors durch eine solche Willensäußerung langfristig der Boden entzogen. Ein gewichtigeres Problem aber bleibt: der Einfluß des schiitischen Fundamentalismus und seiner iranischen Hintermänner. Diese Kräfte ducken sich z. Zt. weg und lassen die Amerikaner und ihre Allierten in ihrem Kampf gegen die Reste des alten Regimes die 'Drecksarbeit' machen. Mittelfristig könnten sich aber die Fronten verschieben. Vielleicht steht der eigentliche Konflikt noch bevor. Nicht jedem islamischen Land ist ein Politiker vom Format Atatürks (bei allen seinen Fehlern, ich weiß, ich weiß!) vergönnt.

N. Klaric: Köstlich!

Also: es ist nun einmal eine Tatsache, daß die Baath-Ideologie, die in erster Linie von arabischen Christen entwickelt wurde, nicht die islamische Religion, sondern die Zugehörigkeit zur 'arabischen Nation' in den Mittelpunkt ihrer Politik rückte. Das kann man halt 'völkischen Laizismus' nennen. Der Einfluß auf das Frauenbild (und die Frauenkleidung!) war entsprechend sichtbar. Faschistische Einflüße sollte man allerdings auch nicht unterschlagen, aber auch Faschismus kann ja modernistisch verkleidet daherkommen.

Daß es auch einen gefährlichen schiitischen Fundamentalismus im Irak gibt, ist offenkundig. Um das einzusehen, braucht man nicht einmal so - relativ- gute Einblicke in nahöstliche Probleme wie meine bescheidene Person. Gerade wenn man für eine Demokratisierung in der islamischen Welt eintritt (und ein besseres Beispiel für eine freiwillige Demokratisierung eines islamischen Landes wie die Reformen Atatürks gibt es m. E. nun mal nicht) sollte man Leute, die auf Probleme hinweisen, nicht mit dadaistischem Unsinn abtun. Das 'Irak-Projekt'ist nun einmal ein ziemlich blutiges Experiment mit ungewissem Ausgang.

So, if a lone barbarian english speaker may ask a question: did this get press in the Fatherland? Oddly, it didn't get much in the supposedly gung-ho American media, and it was generally sneered at by MSNBC and CNN, although FOX news predictably put it in a good light.

Who did what in Germany? It's been long enough that you should have a grip on it now. I'm keenly interested to see how it broke down in the different ideological papers and on your televisions.

Endlich gehen wir mal von der Polemik zu den Fakten und zu tragbaren historischen Analogien über. Sicher, historische Vergleiche hinken immer, aber der Vergleich zwischen der Demokratiserung der Türkei und der des Irak ist natürlich aufschlußreicher als der Vergleich mit der deutschen Situation Ende der vierziger Jahre, der sowohl den Irakern, die ihren Diktator nun mal nicht wie ein Teil der Deutschen selbst gewählt hatten, als auch den Deutschen mit ihren alten demokratischen Traditionen Unrecht tut.

Die Analogie zur Türkei wird ohnehin nicht nur von mir, sondern auch von liberalen 'Falken' wie Asmus, desweiteren auch von Publizisten wie Broder und Gedmin hergestellt. Schließlich ist die Türkei das einzige islamische Land, das es an die Schwelle zur EU-Mitgliedschaft gebracht hat, und da lohnt es sich m. E. schon, sich den dorthin führenden Zivilisationsprozeß einmal näher zu betrachten. Was den Anbeginn der Islamisierung in der heutigen Türkei betrifft, tut dies N. Klaric ja auch und stößt dabei auf religiöse Sonderentwicklungen, die es Atatürk im 20. Jahrhundert wesentlich erleichterten, seine Kulturrevolution umzusetzen. Liberale islamische Strömungen wie die Aleviten (Nicht zu verwechseln mit den syrischen Alawiten!), die übrigens keine Christen sind , sondern vielmehr an eine Verbindung von schiitischen und humanistischen Elementen mit einigen urchristlichen Vorstellungen glauben, haben sicherlich einen wichtigen Grundstein für die türkische Republik gelegt. Entsprechend sind sie dann auch im Staatsapparat und in den linken Bewegungen der Türkei vertreten. Der emanzipatorische Impuls dieser Bewegungen hat auch auf die Sunniten in der Türkei abgefärbt. So ist u. a. die im 18. Jahrhundert beginnende und in der Regierungszeit Atatürks gipfelnde 'Europäisierung' der Türkei zu erklären. Sie war - wie etwa die Memoiren von Aziz Nesin belegen - zumindest in Metropolen wie Istanbul übrigens eine durchaus freiwillige Angelegenheit. Auf diese kulturelle Revolution folgten dann die ersten Wahlen im Mehrparteiensystem im Jahre 1950. Wenn es im Irak einmal soweit kommt, kann man m. E. zufrieden sein. Abstimmungen in einem vom schiitischen Klerus und der Scharia dominierten Staat wie Iran sind nämlich m. E. keine 'Demokratie'. Trotz aller Militärputsche und Menschenrechtsverletzungen (die gab es in Europa auch bis in die jüngste Zeit; siehe Franco oder den griechischen Militärputsch von 1967) kann die Entwicklung in der Türkei mithin zumindest teilweise vorbildlich für den Irak sein. Einen 'Nationalen Sicherheitsrat' als Abwehrinstrument gegen den Islamismus können dann jedoch im Irak besser internationale Organisationen ersetzen.

Was läßt sich nun konkret aus der türkischen Entwicklung für den Irak schließen:

a. Die Demokratisierung eines islamischen Landes ist ein langwieriger Prozeß, der mit tiefgreifenden soziokulturellen Umbrüchen z. B. im Verhältnis zur Religion, im Verhältnis der Geschlechter (in der Türkei gab es lange vor der Schweiz das Frauenwahlrecht!) und in der Alltagskultur einhergeht. Hier ist - etwa im Vergleich zu Saudi-Arabien - im Irak schon einiges entwickelt worden, aber die soziale Basis für fundamentalistische Strömungen ist breiter als in der Türkei.

b. Die Demokratisierung eines islamischen Landes erfolgt am besten als Akt der nationalen Selbstbehauptung. Atatürk bezog seine Autorität v. a. aus seinem erfolgreichen Abwehrkampf gegen die Hegemonialansprüche westlicher Mächte. Es ist m. E. eine faszinerende Dialektik, daß die 'Verwestlichung' der Türkei so erst möglich wurde. Die Demokratisierung des Irak wie auch seiner Nachbarstaaten kann m. E. nur erfolgreich sein, wenn sie als arabisches und nicht als amerikanisches Projekt wahrgenommen wird. Das ist offensichtlich nicht einmal in Ansätzen verwirklicht. Warum gibt es z. B. keine marokkanischen oder algerischen Truppen im Irak, die dort freie Wahlen organisieren und dann ihre neuen Erfahrungen mit der Demokratie in ihre Heimatländer tragen könnten? Erst ein solches Projekt auf breiter Basis könnte dann auch den tiefen Antiamerikanismus in der arabischen Welt aufheben.

Also Niko, aus ihren Äußerungen sprechen tiefe Ressentiments gegenüber denen, mit denen Sie es doch eigentlich gut meinen. Entweder nimmt man die Demokratisierungs-Absicht, die hinter dem 'Irak-Experiment' steckt, ernst oder nicht. Und wenn es einem um die Demokratisierung der arabischen Welt ernst ist, dann sind 'Maghrebiner' genauso 'demokratietauglich' wie Iraker. Die Fähigkeit zur Demokratie hängt schließlich nicht von den Erdölreserven ab. Warum also nicht die Demokratisierung des Iraks zu einem 'panarabischen' Projekt unter dem Dach der UNO machen? Die amerikanischen Truppen und auch Halliburton können ja trotzdem dableiben.

Nun zu einigen Fakten die türkische Geschichte betreffend: Sicherlich Atatürk kämpfte für den Laizismus (nicht gegen den Islam an sich!), aber er kämpfte zunächst einmal gegen griechische, englische, französische und italienische Truppen, die nach dem 1. Weltkrieg die Reste des osmanischen Reiches unter sich aufteilen wollten. Dieser Kampf endete mit der Gründung der türkischen Republik 1923, wobei nicht unterschlagen werden soll, daß die Befreiung der türkischen Nation auch mit massiven 'ethnischen Säuberungen' verbunden war. Waffen erhielt Atatürk zunächst von Lenin, den er wohl über seine wahren Absichten täuschte. Der Weg zur Freiheit führt manchmal über verschlungene Pfade.

Israel wurde erst 1948 gegründet. Atatürk jedoch starb schon 1938. Zu seinen Verdiensten in den letzten Lebensjahren gehört jedoch zweifellos, daß er viele deutsche Exilanten wie u.a. Ernst Reuter und Hindemith in sein Land aufnahm (soviel zum Thema progressiver Westen und rückständiger Orient!). Auch mit der NATO, die erst 1949 gegründet wurde, hatten die türkischen Reformen nichts zu tun. Sie erfolgten aus eigener Kraft und in eigenem Interesse und sínd ein Grund, warum ich Scholl-Latours Geschichtspessimismus zumindest auf lange Sicht nicht teile.

Die jetzige Situation in der Türkei ist jedoch - wie Sie völlig zurecht anmerken - problematisch. Ob 'sanfter' Islamist oder 'wiedergeborener Christ', der die vermeintliche 'Heiligkeit' der Ziviltrauung verteidigen will (verzeihen Sie den Seitenhieb!): die Verquickung von Politik und Religion ist immer gefährlich. Ich denke, der Fundamentalismus kämpft in unserer Zeit sein vielleicht letztes Gefecht, und es ist gut, daß es Leute wie Chirac gibt, die ihm zumindest im eigenen Staat konsequent entgegentreten. Gerade weil Fundamentalisten aber um die Verlockung des Individualismus wissen, werden sie umso aggressiver. In der westlichen Führungsnation glücklicherweise zumeist verbal (obwohl es auch dort vereinzelte Morde gibt), in der islamischen Welt leider in terroristischer Form. Und ich stimme völlig mit Ihnen überein, daß man sich in einem orientalischen Land nur durch massives Auftreten Autorität verschaffen kann. Das kann aber Respekt vor der patriotischen Selbstbestimmung des anderen ja durchaus einschließen.

Rolf schreibt:

"Warum also nicht die Demokratisierung des Iraks zu einem 'panarabischen' Projekt unter dem Dach der UNO machen? Die amerikanischen Truppen und auch Halliburton können ja trotzdem dableiben."

Später dann schwadroniert er über "Fundamentalismus" (für Rolf ist George W. Bush ein Fundamentalist!) in den USA, und warnt vor der Verquickung von Religion mit Politik.

(Rolf "warnt" immer gerne, das lässt ihn weise und abgeklärt aussehen.)

Sein Problem ist nur, dass der Glaube an die Weltregierung ein Religionsersatz ist wie zuvor der Marxismus, und mangels Fehlen einer über Jahrtausende gewachsenen, religiös fundierten Moral noch dazu gefährlicher.

Leuten wie Rolf, denen die durch Fleiss und Ideenreichtum erarbeitete Stellung der USA gegen den Strich geht, glauben allen Ernstes, sie könnten die USA als Weltpolizist einspannen für ihre größenwahnsinnigen Weltregierungspläne.

Die Amerikaner dürften dann das bewaffnete Personal stellen, über deren Verwendung aber stimmte ganz demokratisch und transparent die UN-Vollversammlung ab.

Träumen Sie schön weiter, Rolf. Für mich ist Ihre Vorstellung allerdings ein Albtraum.

Die Lebensdauer der Pax Americana beziffere ich auf zwei Jahrhunderte. Danach nehmen die inneren Widersprüche und der Willensverfall wie bei jeder Großmacht der Geschichte überhand.

Wenn man den Übergang von der Pax Britannica auf die Pax Americana bei der Mitte des 20. Jahrhunderts ansetzt, dürfen wir uns also noch auf 150 Jahre P.A. freuen. Bis zum Jahr 2150 muss die freiheitliche, marktwirtschaftliche, rechtsstaatliche Ideologie ausreichend weltweit Fuß gefasst haben, dass die Nachfolgenation -- vermutlich China oder Indien -- gut gerüstet sein wird, um den Staffelstab zu übernehmen.

Einen -- superkurzen -- Ausblick auf die positiven Erwartungen sowie die Risiken ("Quis custodiet ipsos custodes", wer soll den Wächter überwachen) der US-amerikanischen Vormachtsstellung gibt Wretchard vom Belmont Blog hier.

http://belmontclub.blogspot.com/2003_12_01_belmontclub_archive.html#107169669573855160

Noch eins, präventiv bevor Rolf meint, Pax Americana und die Anglosphäre seien Verschwörungen, um die Deutschen und ihre unermesslich wertvollen Beiträge zur Weltkultur und -politik kurz- und niederzuhalten:

Mitnichten.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit nach dem Mauerfall. Damals bekam Helmut Kohl von Präsident Bush I jede erdenkliche Hilfe und noch etwas mehr als erwartet für die deutsche Wiedervereinigung. (Maßgeblich daran beteiligt war übrigens eine junge Condoleezza Rice; die deutsche Dankbarkeit für Frau Rice erkennt man daran, wie sie heute in SPIEGELARDZDF dargestellt wird.)

Zu der Zeit -- 1990/91 -- trat Außenminister Baker auf die Deutschen zu und sagte, Hört mal, es ist Zeit, dass Ihr eurer Gewichtsklasse entsprechend aktiv werdet. Wir sind bereit, unsere "special relationship" von Großbritannien auf Euch, als die führende Nation in Europa, zu übertragen.

Die Engländer schäumten vor Wut, aber konnten überhaupt nichts machen. Helmut Kohl hätte nur einzuschlagen brauchen, und Deutschland säße heute anstatt am Katzentisch zur unmittelbaren Rechten der USA.

Statt dessen setzte Deutschland sich in den Kopf, es könne genau so sein wie die Schweiz oder Schweden, nur mit einem etwas größeren Bruttosozialprodukt.

Irre, einfach irre. Und dann beschweren sich die Deutschen heute, sie fänden in Washington nicht ausreichend Gehör!

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