17/06/2005

Irak-Krieg: "Die CDU wäre dafür gewesen!"

<p><p>Irak-Krieg: "Die CDU wäre dafür gewesen!" - Leserbrief von W. Horn in der ZEIT v. 16.5. zur anstehenden Neuwahl</p></p>

Leserbrief von W. Horn in der ZEIT v. 16. Juni zur anstehenden Neuwahl:

ZEIT-Leserbrief

Sehr geehrter Herr Horn, klasse Leserbrief! Trotzdem hätte ich da drei nicht ganz unwichtige Fragen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen:

  • Was ist so "schlimm" daran, für die Befreiung eines Volkes von seinem Diktator zu sein?
  • Würden Sie die Invasion der Alliierten in der Normandie vor 60 Jahren, mit der das letzte Kapitel des Zweiten Weltkriegs aufgeschlagen wurde und schließlich Deutschland von Hitler befreit wurde, auch als "schlimm" bezeichnen?
  • Hat nicht vielmehr Gerhard Schröder 2002 das Thema "Irak-Krieg" aus reinen Propagandagründen instrumentalisiert, um bei Gutgläubigen wie Ihnen (leider erfolgreich) kurz vor der Bundestagswahl Ängste zu schüren?

Sehen Sie... Daher mein gutgemeinter Rat an Sie, Herr Horn: Nehmen Sie sich einfach ein Beispiel am Genossen Schily und lernen auch Sie im Alter dazu:

"Der wichtigste Wert, den gerade wir Europäer - so hoffe ich - nach der leidvollen Erfahrung von Diktatur und Tyrannei nicht hoch genug zu schätzen wissen, ist der Wert der Freiheit. Und wir wissen ebenfalls aus eigener Erfahrung, daß Freiheit erkämpft und verteidigt werden muß."

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Herre

16/04/2005

Es war einmal...

(Von Paul13)

Die Zeit

Bin heute durch Zufall über ein uraltes Interview gestolpert, welches die ZEIT kurz vor Beginn des Irakkriegs mit unserem werten Außenminister geführt hat. Seltsamerweise hält das Auswärtige Amt dieses Prachtstück auf seiner Website immer noch vorrätig. Großer Fehler! Denn was Fischer da sagt, gehört nicht unbedingt in die Kategorie "Dinge, an die wir später gerne erinnert werden wollen". Naja, immerhin kann man ihnen nicht vorwerfen, daß sie etwas vertuschen. Jedenfalls sind Fischers Ansichten gerade im Rückblick entlarvend. Hier die schönste Antwort:

ZEIT: Können Sie sich vorstellen, dass 150.000 amerikanische Soldaten am Golf aufmarschieren und dann wieder abmarschieren, Saddam Hussein aber ist immer noch an der Macht?

Fischer: Von regime change lese ich in keiner Sicherheitsratsresolution. Das Thema wurde auch in Brüssel diskutiert, und die britische Seite hat noch einmal klar gemacht, dass sie sich nicht dem Prinzip des regime change, also einer mit Krieg herbeigeführten Entfernung von Saddam von der Macht verpflichtet fühlt.

Womit all jene ziemlich blöd aus der Wäsche gucken, die sich bis heute so gerne an irgendwelchen angeblichen Kriegslügen hochziehen und so tun, als ob die Alt-Europäer auch ohne die Themen Massenvernichtungswaffen oder Terrorismus mit der bloßen Begründung "Regime Change" zur Unterstützung der Befreiung des Irak zu bewegen gewesen wären.

D.h. in dem Moment, in dem die USA bereit waren, auf unilaterales Handeln zu verzichten, und vor die UNO zu gehen, hätten sie sogar dann mit Alternativen kommen müssen, wenn diese tatsächlich eine Lüge gewesen wären, und zwar schlicht und einfach deshalb, weil die "Achse des Friedens" den Sturz Saddams als solchen verhindern wollten, ganz unabhängig von irgendwelchen Begründungen. Also bitte nicht mehr weinen von wegen "Menno! Bush hat aber gelogen!"

Damit Sie mich nicht missverstehen: Wenn der brutale Diktator Saddam morgen von seinem Volk gestürzt würde, wenn er verschwände oder ins Exil ginge, die ganze Welt, an erster Stelle die Iraker, wären heilfroh. Die Frage ist nur: Rechtfertigt dieses einen Krieg mit all den Risiken, den humanitären Folgen, einer regionalen Destabilisierung und Terror? Das müssen Sie immer abwägen. Und da kommen wir zu einem klaren Nein.

Schon traurig, wenn man überlegt, daß Joschka Fischer der beste Außenminister ist, den wir uns momentan bauen können. Denn zu glauben, daß der Sturz eines Diktators der Saddam-Klasse durch die Bevölkerung weniger blutig sein könnte als die schnelle Amtsenthebung durch die stärkste Militärmacht der Welt, zeugt von einer Unprofessionalität, die auch unter Berücksichtigung der zu seiner Zeit üblichen romantischen Verklärung jedes noch so blutigen Volksaufstands oder Bürgerkriegs nicht zu entschuldigen ist.

Seine Überlegung, daß ein Saddam Hussein, nachdem er für die Sicherung seiner Macht hunderttausende Iraker über die Klinge hat springen lassen, einfach plötzlich verschwinden oder ins Exil gehen könnte, sagt ein übriges über die Vorstellung, die Joschka Fischer von der Welt da draußen hat. Es gibt dort eben nicht nur instabile Operettendiktatoren, die sich von unterbezahlten und schlecht ausgerüsteten Soldatendarstellern verteidigen lassen, sondern richtig harte Jungs, die über Widerstand auf "Waffen für El Salvador"-Niveau nur müde lächeln können.

Daß nach Abwägung der Risiken, der humanitären Folgen, der regionalen Destabilisierung und des Terrors das klare "Nein" ein Fehler war, kann man Fischer im Rückblick natürlich nicht vorwerfen, denn hinterher ist man immer klüger. Daß es aber gleichzeitig andere Leute gegeben hat, die damals zu einem klaren "Ja" gekommen sind und die im nachhinein recht behalten haben, schon. Das schlimmste aber ist, daß Fischer aus diesen Fehleinschätzungen nichts gelernt hat und auch beim nächsten Mal wieder "not convinced" sein wird.

05/04/2005

Außenpolitik: Grobmacht Deutschland

(Von Paul13)

Die Zeit

Mag sein, dass es Berlin und Paris (London kriegt inzwischen kältere Füße) nur darum geht, Peking zu streicheln, um so mehr Airbusse und anderes Zivilgerät verkaufen zu können. Es mag aber auch sein, dass die Großstrategen in den Hinterstübchen von einer Allianz der Flanken träumen, welche die »letzte verbleibende Supermacht« in die Zange nimmt. Die Unterstellung ist bei all dem Gerede über eine »multipolare Welt« auch nicht absurd; auf jeden Fall sorgen sie sich in den Washingtoner Hinterstübchen ganz offen über eine solche »Umkehr der Bündnisse«.

Nachdem Josef Joffe lange Zeit ins amerikanische Exil abgetaucht war, aus dem er sich leider nur sporadisch zu außenpolitischen Themen vernehmen ließ, hat er sich endlich wieder eindrucksvoll mit einem treffenden Kommentar zur deutschen Chinapolitik zurückgemeldet.

In diesem Artikel weist er zu recht auf die tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisende Möglichkeit hin, daß es sich bei dem Ruf "German weapons to the front!" nicht um eine zufällige Tolpatschigkeit oder bloß wirtschaftlich motivierte Skrupellosigkeit handelt, sondern tatsächlich um den beunruhigenden Versuch der Achse Paris-Berlin, ein Gegengewicht zu Amerika aufzubauen.

China ist ja weit weg und aus der Froschperspektive Chiracs oder aus Schröders Waschmaschine heraus betrachtet nicht unbedingt als direkte Bedrohung erkennbar. Alles was nicht wenigstens 20000 Panzer an unserer Ostgrenze aufbieten kann, verschwindet offenbar unter dem Radarschirm unserer europäischen Weltenlenker.

Daß ein China, welches vor gar nicht allzu langer Zeit noch Slobodan Milosevic im Kampf gegen die NATO half, auf dem internationalen Schachbrett atomare Bauern wie Iran und Nordkorea verschiebt, im Sudan auch mal einen Völkermord deckt, und bereit ist notfalls einen großen Ostasienkrieg gegen die Supermacht USA zu riskieren, nur um dem Kommunismus künstliches nationalistisches Leben einzuhauchen, durchaus mehr als eine nur indirekte Bedrohung ist, erschließt sich dem Helden von Goslar offenbar nur sehr schwer.

Nachdem die deutsche Außenpolitik in den ersten Jahren nach der rot-grünen Machtübernahme aller früheren antiwestlichen Rhetorik zum Trotz überraschend vernünftig ausfiel, scheint seit dem Irakkrieg nun doch die eine oder andere Sicherung durchgebrannt zu sein. Schröder sollte nicht vergessen, daß eine Pickelhaube auf dem Kopf zwar einen gewissen Schutz bietet, aber verdammt unangenehm wird, wenn man sich versehentlich draufsetzt.

16/03/2005

ZEIT-gemäße Vorurteile

Die ZEIT macht sich Gedanken über Israel und seine Nachbarn. Eher versteckt: die Vorurteile. Unsere Leserin Ruth Fink zeigt sie auf.

(...) Die Ursachen, lässt ein erster, flüchtiger Blick erkennen, ähneln einander: verkrustete Regime mit Herrschern, die Bärte und Resthaar färben, um die verzehrenden Jahrzehnte an der Macht zu übertünchen; eine Wirtschaftskrise, die seit Generationen die Bürger jeglicher Perspektive beraubt; steter Druck der westlichen Supermacht, sich der Globalisierung und universalen Ideen zu öffnen. Neue Ursachen kommen hinzu: die arabischen Satellitensender, welche in jedes Haus das tragen, was Staatskanäle ausblenden; der 11. September als Schock auch für die arabische Welt; Jassir Arafats Tod und das Aussterben charismatischer Revolver-Staatsmänner.

Aber auf keinen, keinen, gar keinen Fall duerfen die Wahlen im Irak zu den Ursachen zaehlen!

Für die meisten Araber ist der Irak kein Labor der Demokratie. Freie und unfreie arabische Medien haben die Wahl vom 30. Januar heruntergespielt.

Uebrigens waren die deutschen Medien nach einer Untersuchung von Medientenor noch negativer in ihrer Berichterstattung zu den irakischen Wahlen als die arabischen Medien...

Das alewitische Minderheitenregime muss die sunnitische Mehrheit in Schach halten, es braucht den Libanon als Geldschrank und als strategisches Glacis im Kampf gegen Israel, es sponsert allerlei Terrorgruppen, solange Tel Aviv die Golanhöhen nicht herausrückt. 

Ach ja, wenn Israel nur die Golanhoehen herausruecken wuerde, wuerde sich Syrien sofort in einen Rechts- und Wohlfahrtsstaat deutscher Praegung verwandeln... Die Hauptstadt von Israel ist uebrigens Jerusalem und dort - und nicht in Tel Aviv - sitzt auch die Regierung.

21/02/2005

Bush-Besuch: Eine Frage der Würde

(Von Paul13)

Die Zeit

Verteidigungsminister Rumsfeld war ein wenig vorsichtiger als Mrs Rice, schließlich hatte er vor einem Gremium zu sprechen, in dessen Augen seine Feldherrnqualitäten und seine Urteilskraft nicht mehr ganz unbeschädigt glänzen.

Tatsächlich? Na, dann möchte ich mal denjenigen von den Herren in diesem Gremium sehen, der mit einer Ministreitmacht von ganzen vier Divisionen die hochgerüstete Regionalmacht Irak binnen drei Wochen fast ohne eigene Verluste besiegt hätte. Ich kann mich auch nicht erinnern gehört zu haben, daß besagte Herren mit ihrer ach so großen Urteilskraft Rumsfeld vorher einen derartigen Erfolg zugetraut hätten.

[...] Der Präsident wird viele Male Freiheit, Demokratie und Recht preisen. Guantánamo wird er dabei nicht erwähnen.

Das kann er schon deswegen nicht machen, weil er dann seine Gastgeber desavouieren würde. Am Ende würde sich nämlich jemand erinnern, mit was für Methoden die Bundesregierung im "deutschen Herbst" 1977 gegen die RAF vorgegangen ist, nur weil sie ein paar Dutzend Menschen ermordet hatte und nicht ein paar tausend wie die Kollegen von der al-Qaida. Wo wir gerade dabei sind: Wie hieß damals eigentlich noch gleich der verantwortliche Bundeskanzler?

Er wird auch kaum seine entscheidend wichtige Erklärung der »Nationalen Sicherheitsstrategie der USA« vom 17. September 2002 vortragen und seinen dort dokumentierten Willen, ohne Rücksicht auf das Angriffsverbot der UN-Charta präventive Kriege zu führen und für alle Zukunft die militärische Vorherrschaft der USA zu beanspruchen.

Die Welt zu retten ist der schmutzigste Job der Welt. Aber einer muß ihn ja schließlich tun.

Der Präsident wird vielmehr stillschweigend an diesen Prinzipien festhalten, zu denen er sich moralisch legitimiert und sogar von Gott beauftragt glaubt.

Moralisch legitimiert ist er mit Sicherheit. Von Gott beauftragt eher nicht, allerdings auch nicht weniger als beispielsweise Jesus Christus. Wobei ich mich anders als bei Jesus oder den Blues Brothers nicht daran erinnern kann, daß Bush sein Handeln damit begründet hätte, daß er im Auftrag des Herrn unterwegs sei.

[...] Neu ist die Einsicht, dass die USA zwar mit Hilfe technologisch hoch überlegener Distanzwaffen einen anderen Staat besiegen, ihn aber nicht dauerhaft besetzen und regieren können.

Also an dieser Erkenntnis ist nun wirklich nichts neues mehr. Wann waren wir denn das letzte Mal Verteidigungsminister?

Diese Einsicht gilt nicht nur für den Irak, sondern ähnlich für Iran oder für Nordkorea.

Im Falle von Iran und Nordkorea, wo es derzeit vor allem darum geht, deren Zugriff auf die Bombe zu verhindern, wär das doch schon mal was. Immerhin gut zu wissen, daß wenigstens Helmut Schmidt seinen Ruf nicht auch dadurch ruiniert, daß er in den Chor der "Fachleute" einstimmt, die selbst die Fähigkeit der USA bestreiten, solche Schurkenstaaten militärisch schlagen zu können.

Im Falle Iraks ist die Erkenntnis neu, dass ohne diplomatische Hilfen aus Europa und ohne zusätzliche Manpower der »willigen« europäischen Verbündeten ein Rückzug der amerikanischen Truppen sehr schwierig wird.

Wieso das denn jetzt? Wenn die irakische Armee wieder stark genug ist, gehen die Amerikaner ganz von alleine. Dazu brauchen sie nun wahrlich nicht den Segen der Europäer. Die sollen brav ihre Schecks ausfüllen und ansonsten ihren Fehler einsehen und hinfort lieber die USA diplomatisch unterstützen als ihre Gegner. Das wär doch schon mal ein Anfang.

Denn inzwischen ist der Irak das wichtigste Aktionsfeld für islamistische Terroristen aus vielerlei Ländern geworden. Hinter der amerikanischen Charme-Offensive vis-à-vis Europa verbirgt sich das Ersuchen um Hilfe.

Also Herr Schmidt! Das können sie doch nicht wirklich glauben, oder? Denken Sie wirklich, die USA brauchen deutsche Panzergrenadiere oder französische Fremdenlegionäre, um mit ein paar durchgeknallten Islamofaschisten fertig zu werden? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Die USA haben die irakischen Wähler gebraucht, und die haben den Terroristen eine vernichtende Niederlage beigebracht. Der Rest ergibt sich schon.

[...] Natürlich liegen Befriedung und Normalisierung im Irak mindestens ebenso sehr im europäischen wie im amerikanischen Interesse.

Vielleicht liegen sie im europäischen Interesse. Aber ganz gewiß nicht in dem ihrer Politiker. Denn ein amerikanischer Erfolg im Irak würde bedeuten, daß man von Anfang an auf der falschen Seite gestanden hat. Meinen Sie wirklich, daß ein Weltenlenker wie Jacques Chirac da dran ein Interesse hat? Ich dachte eigentlich, Sie kennen ihn ein bißchen.

[...] Andererseits wissen die europäischen Regierungen, dass Demokratie im westlichen Sinne bisher kaum irgendwo im arabischen Raum funktionstüchtig existiert. Deshalb stehen sie dem erklärten Ziel einer »Demokratisierung des Mittleren Ostens« mit gehöriger Skepsis gegenüber.

Die wissen das nicht, die glauben das zu wissen, das ist ein großer Unterschied. Denn in Afghanistan, Irak und Palästina sieht's ja schon mal recht gut aus. Und auch in den Nachbarstaaten tut sich was, seit die US-Marines unruhig mit den Füßen scharren, für den Fall, daß sich da nichts tun sollte. Die Theorie, daß diese Wilden da unten demokratieunfähig seien, ist eindrucksvoll widerlegt worden und steht jetzt als das da, was sie schon immer war: Neokolonialistisches Wunschdenken größenwahnsinniger Politiker und deren latent rassistischer Wähler.

Die Europäer haben aber ein vitales Interesse daran, den vor einem Jahrzehnt von Samuel Huntington vorhergesehenen clash of civilizations zwischen dem Westen und dem Islam zu vermeiden.

Nur wieso sie glauben, ihn zu vermeiden, indem sie bedingungslos vor ihm kapitulieren, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben.

Und sie wissen, dass Amerika von einem solchen clash weit weniger in Mitleidenschaft gezogen würde und dass man deshalb von Amerika nur geringe Rücksicht auf religiöse, kulturelle und politische Konsequenzen erwarten kann.

Es erschüttert mich jetzt schon ein bißchen, wenn ein angesehener "elder statesman" wie Sie auf seine alten Tage noch anfängt, peinlichen Kulturrelativismus zu propagieren.

[...] Als der Nordatlantikpakt 1949 geschlossen wurde, ging es um den militärisch bedrohlichen Gegner Sowjetunion. Seit deren Auflösung ist ein anderer möglicher militärischer Feind nicht zu erkennen.

Na, dann warten wir einfach mal ab, bis die Mullahs die Bombe haben. Da findet sich der schneller wieder, als wir "Verteidigungsfall" sagen können.

[...] Der Pakt hat keineswegs die Aufgabe, über seine geografisch definierten Grenzen hinaus Freiheit und Demokratie zu verbreiten; ebenso wenig verpflichtet er die vertragschließenden Staaten zur Mitwirkung.

OK, das wäre auch nicht realistisch, wenn in der NATO einschlägig bekannte Länder wie Frankreich oder Griechenland mitmachen. Aber es steht auch nicht im NATO-Vertrag drin, daß man ein lobenswertes Ziel wie die Verbreitung von Freiheit und Demokratie behindern muß.

[...] Bis in die späten 1990er Jahre waren nicht nur China und Russland, sondern vornehmlich alle mit den USA verbündeten und befreundeten Staaten eine multilateral operierende Strategie der USA gewohnt: Amerika führte, jedoch in kooperativer Weise und unter Einhaltung der vertraglich vereinbarten Regeln.

Mit anderen Worten Realpolitik vom feinsten. Die Quittung gab's dann per Luftpost am 11. September 2001. Und da die USA sie zugestellt bekamen, sollte man etwas mehr Verständnis dafür haben, daß die darob ein wenig vergrätzt sind.

Nahezu alle Staaten der Welt haben ein vitales Interesse daran, dass diese Praxis wiederhergestellt wird – aber erzwingen kann das keiner.

Nicht die Staaten, nur deren Herrscher. Soviel Zeit muß sein. Und ich höre gern, daß man allmählich offiziell zur Kenntnis nimmt, daß der Schutz der Diktaturen in der Welt sich nicht mehr zufriedenstellend sicherstellen läßt. Alleine dafür hat sich's schon gelohnt.

Der Präsident wird es sehr schwer haben, seine Verbündeten davon zu überzeugen, dass er keine Hegemonie anstrebt.

Was immer er anstrebt, das Ergebnis wird tatsächlich eine Hegemonie sein, und zwar die der Demokratie. Und das ist auch gut so, um mal einen Ihrer Parteigenossen zu zitieren.

In einem wichtigen Punkte stimmen die meisten Staaten der Welt heute mit den USA und mit Bush überein: Es soll keine Verfügungsgewalt über atomare Waffen in die Hände zusätzlicher Staaten gelangen, schon gar nicht in die Hände von staatsfrei handelnden Terroristen.

Mit Verlaub, Herr Schmidt, aber da haben Sie was falsch verstanden. Wenn morgen Schweden oder Neuseeland Atomwaffen haben, ist das nichts, was dem amerikanischen Präsidenten schlaflose Nächte bereiten würde. Selbst beim Iran wäre das grundsätzlich kein größeres Problem als bei beispielsweise Indien. Der entscheidende Punkt ist, ob es sich bei den Staaten, die Atomwaffen besitzen, um zivilisierte Demokratien handelt, oder um unzurechnungsfähige Terrorregime, deren Verantwortliche glauben, 72 Jungfrauen vernaschen zu dürfen, nachdem sie im Führerbunker verglüht sind.

Gegen die weitere Verbreitung atomarer Waffen haben die USA jedoch keine erfolgversprechende Strategie.

Und ob sie die haben! Sie heißt "globale Demokratisierung". Und es wäre ausgesprochen nett, wenn sich die Europäer endlich daran beteiligen würden.

Hoffnung gäbe es vielleicht dann, wenn die vom Nichtverbreitungs-Vertrag privilegierten Atomwaffenstaaten mit wirksamer Selbstbeschränkung ein Beispiel gäben.

Das ist ein Vorschlag, der in einer Welt der Ali Khameinis und Kim Jong Ils ungefähr so sinnvoll ist, wie den Westmächten 1934 einseitige Abrüstung vorzuschlagen, um Hitler von der Aufrüstung abzuhalten. Für jemanden, der den II. Weltkrieg noch am eigenen Leib erleiden mußte, ist das ehrlich gesagt erstaunlich naiv.

[...] Wie groß oder wie gering auch immer die Divergenzen bei nüchterner Betrachtung bleiben, die amerikanische und die europäischen Nationen stehen einander näher als viele andere Völker und Staaten. Wir sind einander durch die Aufklärung und durch unser ethisches Erbe verbunden. Das amerikanische Fernsehpublikum muss diesen elementaren Zusammenhang aus Anlass dieses Besuches spüren können. Es muss gleichzeitig verstehen können: Wir Europäer wollen keine Vasallen sein, wir wollen unsere Würde bewahren.

Bei allem Verständnis für Kinder, die sich in einem gewissen Alter von ihren Eltern lösen wollen, aber wer wie ein Erwachsener behandelt werden will, sollte sich auch so verhalten. Und so wie wir den diversen Diktatoren von Saddam bis Khameini in den A... kriechen, haben wir definitiv keine Würde mehr, die wir verlieren könnten.

08/02/2005

Kriege, Krisen, Kranke

(Von Paul13)

Die Zeit

Aber die Globalisierung? Was ist mit dem vermeintlichen Wachstumsmotor unserer Zeit? Hat sie nicht auch Afrika Nutzen gebracht? Die Frage ist falsch gestellt. Sie müsste lauten: Warum ist die Globalisierung nahezu nirgends südlich der Sahara angekommen?

[...] Mittlerweile beginnen selbst die Kommentatoren des konservativen Wirtschaftsblattes Business Day am Allheilmittel Globalisierung zu zweifeln: Man müsse sich allmählich fragen, war jetzt zu lesen, ob die Wohlstandsrezepte des reichen Nordens womöglich nur für den Norden gemacht sind.

Schon merkwürdig. Im ersten hier zitierten Absatz wird zurecht kritisiert, daß die Globalisierung in weiten Teilen Afrikas erst gar nicht angekommen ist. Im zweiten Abschnitt wird ihr hingegen vorgeworfen, daß sie dort, wo sie folglich gar nicht existiert, nicht funktioniert. Also entweder, oder! Man kann den argumentativen Kuchen nicht essen und ihn gleichzeitig behalten.

Afrika würde von einer wirklichen Globalisierung jedenfalls definitiv profitieren. Wenn man den dortigen Staaten anbieten würde, ihnen im Falle einer erfolgreichen Demokratisierung sämtliche Schulden zu erlassen sowie ungehinderten Zugang zu unseren Märkten zu gewähren, könnte man ihnen sogar die Entwicklungshilfe streichen, sie würden uns hinwegfegen.

Aber in Europa stehen immer irgendwo Wahlen vor der Tür, die Bauernverbände sind hervorragend organisiert, die Gewerkschaften erst recht, und solange sich die Neger da unten gegenseitig in Stücke hauen, können sie uns immerhin kein billiges Getreide liefern oder auch nur im eigenen Land mit unseren subventionierten Exporten konkurrieren.

Und genau deswegen wird es in Afrika auch vorerst keine Globalisierung geben.

06/02/2005

Demokratie: Mut zur Freiheit

(Von Paul13)

Die Zeit

Die Wahlen im Irak sind vorbei, und während wir auf die ersten Hochrechnungen warten, nutzt Jan Roß von der ZEIT die Gelegenheit, einen Blick über den Tellerand hinaus zu werfen. Wie geht es weiter mit der Demokratisierung? Geht es überhaupt weiter?

Hat Bush doch Recht mit seiner Vision von der Demokratisierung der Welt?

Und wie er Recht hat! Aber erst mal ist es schön, daß diese Frage in deutschen Mainstreammedien endlich überhaupt mal gestellt wird. Das war überfällig.

Die Bilder wird man so schnell nicht vergessen: die Menschenschlangen vor den Wahllokalen im Irak, den Hauch von nationaler Festtagsstimmung ungeachtet der kollektiven Morddrohung der Terroristen. Das war ein großer Augenblick, trotz des Boykotts oder der Einschüchterung vieler Sunniten, trotz einer ungewissen Zukunft bis hin zu Bürgerkriegsgefahren, trotz der Rückkehr in einen Alltag von Selbstmordattentaten und Besatzung.

Da kann man der ZEIT nach langem mal wieder uneingeschränkt zustimmen. Die Wahlen waren allen Einschränkungen zum Trotz ein bewegender und durchaus historisch zu nennender Augenblick.

Etwas Scham neben der Freude sollte die Welt auch empfinden, denn nur wenige haben von dieser Wahl und diesen Wählern wirklich etwas erwartet.

Da trifft der Autor den Nagel...

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04/02/2005

Bush, die Religion und die Wähler

(Von Wuldorblogger)

George W. Bush ist ein Fundamentalist. Er verdankt seinen Wahlsieg nur evangelikalen Christen, die nicht an Darwins Evolutionslehre glauben und die Israel unterstützen, weil sie damit die Apokalypse schneller herbeiführen zu können glauben. All das wurde und wird uns oft und gern erzählt. Die besonders "besorgten" Kommentatoren, etwa der "einflußreiche Intellektuelle" Paolo Flores d’Arcais in seinem auch sonst atemberaubend wirklichkeitsfremden und faktenfreien "Zeit"-Beitrag "Ist Amerika noch eine Demokratie?"  sehen die USA auf dem Weg zum Gottesstaat, beschwören das Bild der rücksichtslosen Diktatur einer radikalen Gruppe christlicher Fanatiker, die die Andersgläubigen hilflos über sich ergehen lassen müssen.

Es gibt dabei nur ein kleines Problem: die Wahlergebnisse aus dem November. "Religion and the Presidential Vote"  - diesen Namen trägt eine Studie des Meinungsforschungsinstitutes Pew Research,  die vielleicht auch der "intellektuelle" Herr aus dem sonnigen Süden hätte lesen sollen, bevor er seinen Artikel schrieb. Denn schon der Untertitel der Studie sagt alles aus: "Bush's Gains Broad-Based". Und was noch schlimmer ist für alle, die die Ergebnisse dieser Studie nicht wahrhaben mögen: Pew ist nicht irgendein Institut. Pew ist jenes Institut, das vor der Wahl punktgenau ein Wahlergebnis von 51 - 48 für Bush vorhersagte. 

Pew kommt zu dem Ergebnis, daß Bush seinen Stimmanteil nicht nur unter den Protestanten (+ 3 %) verbessern konnte, sondern sogar noch stärker bei den Juden (+ 6%) und den Katholiken (+ 5%). Tatsächlich ist es Bush anders als 2000 sogar gelungen
, die Mehrheit der katholischen Wähler für sich zu gewinnen - und das gegen einen Katholiken, John Kerry. Bushs Zuwächse erstrecken sich ferner ebenso auf die Minderheiten, etwa katholische Hispanics (+ 6%) oder schwarze Protestanten (+ 6%). In der Tat hat Bush allerdings auch unter evangelikalen Protestanten stark hinzugewonnen (+10 %) deren prozentualer Anteil an der Wählerschaft ist aber mit 22 % unverändert geblieben und erklärt nicht annähernd die Stimmzuwächse für Bush gegenüber 2000.

Es kommt noch besser. Fragt man nämlich nach der Häufigkeit des Kirchbesuches, ergibt sich ein überraschendes Bild. Am wenigsten gewann Bush bei jenen hinzu, die einmal bzw. mehrfach wöchentlich die Kirche besuchen (jeweils + 1%). Dagegen gewann er jeweils 3 oder 4 % gegenüber 2000 bei jenen, die angaben, nur selten oder gar nie in die Kirche zu gehen.

Und auch die "moral values"-Legende straft diese Studie eindrucksvoll Lügen. Nur 14 % geben Bushs Religiosität als Wahlgrund an. 16 % betrachten ihn dagegen als "ehrlich und vertrauenswürdig", 27 % wählten ihn aufgrund seiner klaren Positionen und 29 % aufgrund seiner starken Führungspersönlichkeit. (Interessentarerweise wählten 47 % Kerry primär, um einen Wechsel herbeizuführen, nur 7 % weil sie ihn für ehrlich hielten, ebenfalls 7 % weil er klare Positionen vertrete und 4 % weil er eine starke Führungspersönlichkeit sei. Nicht wirklich schmeichelhaft.)

Legen wir also mit ruhigen Gewissen eine weitere Legende ad acta: Nein, George W. Bush wird nicht nur von evangelikalen Fundamentalisten unterstützt und verdankt ihnen die Wiederwahl. Und nein, offenbar fühlen sich Andersgläubige keineswegs sonderlich "unterdrückt" oder sehen mehrheitlich den Gottesstaat herannahen, sonst hätten sie wohl kaum deutlich mehr Stimmen für Bush abgegeben als 2000.

29/01/2005

Demokratie hinter Panzersperren

(Von Paul13)

Die Zeit:

Für Washington sind die Wahlen im Irak ein Meilenstein auf dem Weg in die Freiheit, für die Iraker ein weiterer Schritt in den Bürgerkrieg

Sieh da, unser alter Bekannter Ulrich Ladurner. War ja zu erwarten, daß er es sich nicht nehmen lassen würde, die ersten freien Wahlen im Irak noch ein letztes Mal in den Dreck zu ziehen. Und eins muß man ihm ja lassen, seine Demokratieverachtung ist nicht bloß aufgesetzt. Der ist wirklich davon überzeugt und hält das auch tapfer bis zum Ende durch. Wo selbst die Jungs von SPIEGEL allmählich Muffensausen kriegen und mit dem näherrückendem Wahltermin plötzlich doch noch sicherheitshalber mal ein paar terrorismuskritische oder sogar prodemokratische Artikel bringen, steht der gute Uli wie eine deutsche Eiche und weicht auch im Angesicht der unvermeidbaren Niederlage keinen Millimeter zurück.

[...] Es gibt viele Iraker, die glauben, die von der US- Armee rekrutierten und ausgebildeten irakischen Soldaten seien nichts weiter als Klone der GIs. Diese Soldaten tragen nämlich Sonnenbrillen. Das würde ein echter irakischer Soldat nicht tun. Diese Soldaten tragen auch ihre Kalaschnikows in der Art wie die US-Soldaten ihre M16-Sturmgewehre, was sehr linkisch wirkt.

Sonnenbrillen! Die lassen sich aber auch immer wieder eine neue Teufelei einfallen, diese Yankees. Und jetzt produzieren sie schon GI-Klone, die man daran erkennt, daß sie ihre Kalaschnikows auf amerikanische Art tragen. Das ist natürlich sehr verdächtig in den Augen jener ewiggestrigen Iraker, für die ein echter Soldat noch den DDR-Stechschritt draufhat und sich auch im Alltag bewegt wie ein Kampfroboter aus einem schlechten Science-Fiction-Film.

[...] Was Washington als Meilenstein der Befriedung betrachtet, kann aus Sicht der Iraker ein Rückschritt sein, ja ein Schritt in den Abgrund gar.

Wirklich unfaßbar! Der Uli glaubt tatsächlich bis zum letzten Moment an den Endsieg. Gruselig, aber...

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