21/06/2005

Eine zähe, mutige Öffentlichkeit

(Von Paul13)

Die Welt

Iran vor den Wahlen: Der Westen muß der Opposition ein Forum bieten

Die Wahlen sind zwar inzwischen vorbei, aber dieser Artikel ist immer noch bemerkenswert, und zwar im guten wie im schlechten.

Die amerikanischen Neokonservativen haben recht - eigentlich.

Was für ein Satz! Hätte ihn Charles Krauthammer oder Michael A. Ledeen geschrieben, wäre er kaum der Rede wert, aber die Autoren dieses Artikels sind, man glaubt es kaum, tatsächlich zwei leidlich bekannte Grünenpromis. Und dann auch noch in der WELT! Die Springer-Presse frißt nicht nur die Kinder der Revolution, sie schmatzt dabei auch laut und vernehmlich.

Sie behaupten, daß nachhaltige Stabilität nicht durch die Stabilisierung von Unrechtsstaaten erreichbar ist, sondern nur in Demokratien.

Womit sie zweifellos recht haben. Daß Grüne das auch so sehen, sollte zwar von ihren Wurzeln her eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber seltsamerweise leider nicht. Umso mehr freut es mich, daß diese Erkenntnis allmählich an Boden zu gewinnen scheint.

Daß in Zeiten globalisierter Infrastrukturen alle, die das Leben bejahen, ein Interesse an Stabilität haben müssen, ist selbstverständlich.

Hm, da hab ich mich wohl zu früh gefreut. Alle diejenigen, die, wie die beiden Autoren das in diesem so seltsam konservativ klingenden Grünsprech so schön ausdrücken, "das Leben bejahen", müssen in erster Linie mal ein Interesse an Demokratie haben. Die Stabilität kommt dann früher oder später schon von ganz alleine. Umgekehrt hingegen funktioniert das nicht zwingend. Wer sich primär an der Stabilität orientiert, landet nämlich ganz schnell im Verdauungstrakt eines blutrünstigen Diktators. Wenn nicht von oben, dann von unten.

Demokratien führen keine Kriege gegen Demokratien. Sie sind zuverlässige Partner, die sich freiwillig in Bündnisse begeben. Nur verfügen die "Neocons" zwar über die schnellste Methode, Unrechtsstaaten zu beseitigen - eben durch militärische Intervention -, sie bedenken aber nicht, daß genau diese Intervention die Errichtung von demokratischen Strukturen extrem erschweren kann, wie wir dies seit zwei Jahren trotz kleiner Fortschritte im Irak beobachten können.

Ehrlich gesagt würde mir auf Anhieb keine andere Methode einfallen, welche in Sachen Errichtung von demokratischen Strukturen nach nur zwei Jahren im Irak schon so weit und erfolgreich wäre wie die der Neocons. Und bei längerem Nachdenken auch nicht. Aber unsere grünen Vordenker haben bestimmt einen Alternativvorschlag in der Jutetasche, der besser funktioniert hätte. Kommt bestimmt weiter hinten im Laufe dieses Artikels. Ich kann's kaum erwarten...

Darüber hinaus hatte man in den letzten zwei Jahren den Eindruck, daß das Handeln der "Falken" in der US-Administration die neokonservative Theorie längst weggefegt hat.

Das wollen wir doch nicht hoffen!

Deutlich sichtbar wird dies in den Auseinandersetzungen um das Atomprogramm des Iran. Dabei könnte der Iran einen Bilderbucherfolg für die Realitätstauglichkeit der neokonservativen Theorie darstellen. Ein Staat mit regionalen Hegemoniebestrebungen versucht, Nuklearmacht zu werden. Zum einen, weil in der Region mit Pakistan, Indien und Israel drei weitere Atommächte existieren.

Also wenn das der Hauptgrund wäre, dann würde es von Nuklearmächten in der Welt nur so wimmeln. Bei allem, was ich den Mullahs an Schurkereien zutraue - und das ist bekanntlich nicht wenig! - gehört der Wunsch nach regionaler Hegemonie sicherlich nicht zu ihren wichtigsten Motivationsquellen. Die wollen ihre Macht sichern, den Einfluß in der islamischen Welt ausbauen und bei dieser Gelegenheit das zionistische Geschwür ausbrennen. Aber die Basis für all das ist weniger nationalistischer als ideologisch-religiöser Natur. Die Interessen des Iran haben sie bisher jedenfalls immer den Interessen dessen, was sie für den Islam halten, untergeordnet. So sieht's im Iran dann ja auch aus.

Zum zweiten hat der Vergleich zwischen Nordkorea und dem Irak fühlbar dargestellt, daß die "Bombe" einen tatsächlichen Schutz vor militärisch überlegenen Gegnern wie den USA bietet.

Aaaaahhh, tut das gut! Nach 20 Jahren liefern grüne Spitzenpolitiker endlich die nachträgliche Rechtfertigung nicht nur für die Nuklearstrategie der "flexible response", sondern sogar für deren antiquierten Vorgänger, die "massive retaliation", sowie bei der Gelegenheit auch gleich noch für den NATO-Doppelbeschluß. Da stehen 200.000 Friedensdemonstranten im Bonner Hofgarten im nachhinein endlich auch aus grüner Sicht als die nützlichen Idioten da, die sie schon damals waren. Schade daß Ronald Reagan das nicht mehr erleben darf. Aber wenigstens ich. Mmmmhhh, was für ein Genuß...

Zum dritten herrscht im Iran über die "Notwendigkeit der Bombe" über alle politischen Lager hinweg ein nationaler Konsens.

Sofern man als politische Lager nur diejenigen Reaktionäre nimmt, die zur Wahl standen, mag das sogar zutreffen, aber Otto Normaliraner würde mit den USA viel lieber Geschäfte machen als gegen sie Krieg zu führen. Kein normal denkender Iraner zieht die Bombe Freiheit und Wohlstand vor. Das ist eine Schutzbehauptung des herrschenden Regimes. Die nachzuplappern erweckt nicht gerade den Eindruck, als ob man wirklich am Sturz desselben interessiert wäre.

Die Beschaffung der Bombe ein Prestigeprojekt, das bei den Präsidentschaftswahlen eine zentrale Rolle spielt.

Moment mal, daß ich das richtig verstehe: Heißt das, daß dieser sogenannte Wahlkampf mit Parolen wie "Wählt Kandidat A - mit A wie Atombombe", "Bombenstimmung - nur mit Kandidat B", "Mit Kandidat C ins Atomzeitalter", "Kandidat D - Atomkrieg ohne Neuverschuldung", "In eine strahlende Zukunft mit Kandidat E" oder "Machen Sie Ihren Halbmond neben dem Atompilz - Kandidat F" und ähnlichem Unsinn geführt wurde? Und wenn dem tatsächlich so gewesen wäre - wieso ließ Oberjoschka Fischer dann gleichzeitig mit den Mullahs über eine angeblich friedliche Nutzung der Atomenergie verhandeln? Vielleicht sollte er sich nicht die Lügen drittrangiger Unterhändler anhören, sondern stattdessen einfach mal einen Blick ins Wahlprogramm von deren Chefs werfen. Das dürfte dann ja offenbar so manche Illusion zerplatzen lassen.

Alle zugelassenen Kandidaten haben dies begriffen und heizen das Klima der Debatte an. Gleichzeitig ist abzusehen, was die Folgen einer iranischen Nuklearaufrüstung wären: Staaten des Nahen und Mittleren Ostens mit ähnlichen hegemonialen Bestrebungen wie Ägypten und Saudi-Arabien würden sich unter dem Zugzwang eines "nuklearen Nachzugs" sehen. Auch die Türkei als Nachbarland des Iran und Nato-Mitglied würde besondere Maßnahmen anstreben. Das Verhindern einer Proliferationsspirale im gesamten Nahen Osten würde sehr erschwert werden. Hinzu käme die potentielle akute Bedrohung des Staates Israel.

Das ist absolut korrekt. Deswegen muß eine solche Entwicklung auch mit allen Mitteln verhindert werden. Und zwar notfalls auch jenen Mitteln, die im grünen Parteiprogramm nicht vorgesehen sind.

In der islamischen Welt gibt es nur wenige Länder mit einer so vitalen und kritischen Öffentlichkeit - trotz aller Repressionen. Gleichzeitig ist die einzige de facto handlungsfähige Opposition derzeit die außerparlamentarische. Die Stärke dieser Opposition hängt entscheidend davon ab, wie sehr sie internationale Aufmerksamkeit erlangen kann. Denn nur so kann sie die eigene Regierung unter Rechenschafts- und Legitimationsdruck bringen und gleichzeitig einen gewissen Schutz genießen, wie Shirin Ebadi, seit sie im Jahr 2003 den Friedensnobelpreis erhalten hat.

Auch das stimmt. Hier könnte tatsächlich einiges erreicht werden, lange bevor der erste Marschflugkörper startet. Und wenn ersteres konsequent genug geschieht, wird letzteres mit ein bißchen Glück am Ende nicht mal mehr nötig sein. Also macht mal. Noch seid Ihr ja an der Regierung.

Der Dialog mit der kritischen iranischen Öffentlichkeit muß koordiniert und gut überlegt geführt werden.

Genau, mit der iranischen Öffentlichkeit. Nicht mit deren Unterdrückern.

Hierfür bieten sich drei Felder an. Der erste und wichtigste Schwerpunkt des Dialogs muß auf der Frage der Frauenrechte liegen. [...] Der zweite Punkt ist die Kooperation mit der iranischen Presse. [...] Der dritte Fokus muß auf die innerislamische Reformation gelegt werden. In Ghom, der Stadt mit der wichtigsten theologischen Fakultät des Iran, ist eine junge und dynamische Generation von Rechtsgelehrten herangewachsen, die keine Tabus kennt, die öffentlich die Trennung von Staat und Religion fordert und damit am Fundament der islamischen Republik kratzt. Im heutigen Iran gibt es eine Menge anerkannter Reformatoren, die keine Mühe damit haben, Islam und Moderne zu versöhnen. Ihnen ein internationales Forum zu bieten, schützt sie und trägt zur Aussöhnung des Westens mit dem Islam bei. [...]

Mal ganz davon abgesehen, daß innerislamische Reformer seltsamerweise immer nur bei westlichen Intellektuellen bekannt sind, weil die gerne an sie glauben möchten, und nie bei denjenigen, an die sie ihre Botschaft eigentlich richten müßten, ist das alles richtig und wichtig. Aber es wirkt eben erst sehr langfristig. Und isoliert von einer allumfassenden friedlichen "regime change"-Strategie noch langfristiger. In jedem Fall aber zu langfristig bis zur Einsatzbereitschaft der ersten iranischen Atomwaffen. Was würden die Grünen also mittragen, wenn die Zeit knapp wird für das physische Überleben Israels? Und welche zivilen Alternativen zu militärischer Gewalt wären realistisch, um einen friedlichen Regimewechsel gegen den Willen des betroffenen Regimes zu erzwingen?

Womit wir wieder bei der Jutetasche wären. Die war leider leer. Schade.

21/05/2005

Die Welt: "Amerikas Freunde und das Internet"

(von Ch. Arm)

Die Welt: 

"Sterne und Streifen: Im elektronischen Untergrund rumort ein liberales Paralleluniversum, das sich von der deutschen Mehrheitsmeinung verabschiedet hat

Kaum zu glauben, aber in Deutschland leben noch Leute, denen weder rote noch grüne Sterne vor den Augen tanzen. Um beim vergleichsweise Harmlosen anzufangen: Diese Leute denken, daß der Kapitalismus eher eine gute Sache ist. Sie finden, daß liberale Demokratie und Marktwirtschaft zusammengehören wie Yin und Yang.

Ja! Ganz genau!

Noch verrückter: Diese Außenseiter äußern offen ihre Sympathie für Amerika. George W. Bush gilt ihnen nicht als Kreuzung von Schimpanse und Adolf Hitler. ...

Weiterlesen unbedingt empfohlen!

Eine andere Meinung dazu: Markus Oliver schreibt:

"Der Artikel ist nur vordergründig positiv. Man will uns einen Aktionismus aufdrängen, in eine politische Aktivität treiben die uns dazu bringt, von der uns eigenen Medienkritik weg zu kommen. Angeblich würden wir nur unsere Flanken verteidigen. Es fehlte uns an einem gemeinsamen Ziel - die coalitioin for Darfur soll angeblich nachahmenswert sein -. Das hätten die Herren von Welt und Spiegel wohl gerne so. Dann würden wir nämlich keine politisch medienkritische Gruppe mehr sein, sondern uns wie all die anderen gescheiterten Nimbys und Lobby-Gruppen im Nirvana der Bedeutungslosigkeit verlieren.
Nein Danke. Ich mache lieber so weiter wie bisher."

Und Davids Medienkritik hat auch etwas nicht ganz unkritisches darüber geschrieben...

17/05/2005

Auch Heuschrecken?

Die Welt: "Deutsche kontrollieren 20.000 Auslandsfirmen"

Hier weiter lesen...

20/03/2005

Die Kriegsgrundlüge

(Von Wuldorblogger)

Es ist Zeit, wieder einmal mit einem Mythos abzurechnen, der von vielen deutschen Journalisten mit zunehmender Freude verbreitet wird. Nachdem nämlich plötzlich die scheinbaren Hirngespinste von Demokratie im Mittleren Osten zumindest in den Bereich des Denkbaren gerückt sind und einige unserer "Experten" mit einigermaßen heruntergelassenen Hosen da stehen, greift man zu einem neuen Kniff: Die Demokratisierung des Irak und der Region war, so erfahren wir nun immer öfter, ursprünglich gar kein Kriegsziel. Sie wurde erst dazu gemacht, nachdem Bushs "Kriegsgrundlüge" entlarvt war und ist allenfalls, wie es kürzlich in der "taz" hieß, "ein erfreuliches Nebenprodukt" der US-Politik.

In einem ansonsten wenig innovativen, dem klassischen "Ja, aber"-Muster ("Ja, es gibt positive Tendenzen, aber am Ende geht es bestimmt nach hinten los und kommt zum "Flächenbrand in der Region") entprechenden Kommentar greift Karim El-Gawhary von der "taz" diesen Argumentationsstrang erneut auf:

Die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden, die irakische Bedrohung erscheint im nachhinein als maßlos übertrieben, und die Befreiung des irakischen Volkes endete nicht nur mit dem Sturz einer Diktatur, sondern mit der Zerstörung eines ganzen Staates.

Es war nach dem Krieg, als alle Legitimationsgründe sich in Luft aufgelöst hatten, da begann Washington einen weiteren Kriegsgrund post factum zu propagieren: demokratisches Licht in die absolutistische arabische Finsternis zu bringen und die arabisch diktatorischen Regime wie Dominosteine zu Fall zu bringen. Ist es dieser verspätete Casus Belli, für den Bush vielleicht am Ende doch noch als Triumphator in die Geschichte eingehen wird?

Nun kann man darüber streiten, ob die anderen "Legitimationsgründe sich in Luft aufgelöst" haben. Worüber man aber nicht streiten kann, ist daß Washington keineswegs erst "post factum" begonnen hat, von Demokratie im Irak und der gesamten Region zu sprechen. Es handelt sich eben nicht um einen "verspäteten Casus Belli".

Vielmehr haben die bösen Neocons, über die - auch in der "taz" - zugleich jede Menge Spott wegen ihrer Naivität und reichlich Haß wegen ihrer angeblichen Ruchlosigkeit verbreitet wurde, schon viel, viel früher so argumentiert. Ähnliches gilt für jene "liberal hawks", die den Irak-Krieg unterstützt haben. Und es gilt - eiderdaus! - für den Präsidenten höchstselbst. Bei weitem nicht nur bei einer Gelegenheit hat der nämlich dieses Motiv angeführt. Selten war er dabei deutlicher als bei seiner viel beachteten Rede vor dem American Enterprise Institute am 26. Februar 2003 - also knapp drei Wochen vor Kriegsbeginn.

Nur ein paar Auszüge:

The United States has no intention of determining the precise form of Iraq's new government.  That choice belongs to the Iraqi people. Yet, we will ensure that one brutal dictator is not replaced by another.  All Iraqis must have a voice in the new government, and all citizens must have their rights protected. [...]

There was a time when many said that the cultures of Japan and Germany were incapable of sustaining democratic values.  Well, they were wrong.  Some say the same of Iraq today.  They  are mistaken. (Applause.) The nation of Iraq  --  with its proud heritage, abundant resources and skilled and educated people  --  is fully capable of moving toward democracy and living in freedom.  (Applause.)

The world has a clear interest in the spread of democratic values, because stable and free nations do not breed the ideologies of murder. They encourage the peaceful pursuit of a better life.  And there are hopeful signs of a desire for freedom in the Middle East. [...]

A new regime in Iraq would serve as a dramatic and inspiring example of freedom for other nations in the region.  (Applause.) [...]

It is presumptuous and insulting to suggest that a whole region of the world  --  or the one-fifth of humanity that is Muslim  --  is somehow untouched by the most basic aspirations of life."

Viel klarer kann man von Freiheit und Demokratie im Irak und der arabischen Welt wohl kaum sprechen. Warum also behauptet El-Gawhary, diese Argumentation sei erst nachträglich "erfunden" worden, obwohl jeder, der sich halbwegs mit der US-Außenpolitik auseinandersetzt, beim Thema "Demokratisierung als Kriegsgrund" sofort an diese Rede denken sollte - die immerhin auch große Medienresonanz in den USA erfahren hat - und auch hier kurzes Googeln sofort Aufklärung bringen würde?

Und wie läßt sich die These El-Gawharys überhaupt logisch mit der Tatsache vereinbaren, daß es ja gerade das Demokratisierungsargument war, daß so viele Kritiker auf die Barrikaden getrieben hat? "Demokratie läßt sich nicht mit Gewalt erzwingen." - Dieser Satz fiel schließlich vor allem in den Debatten vor dem Krieg. Und das, obwohl niemand überhaupt von Demokratie gesprochen haben soll?
Peter Scholl-Latour mokierte sich über die Naivität, der von "orientalischer Despotie" geprägten Region die Demokratie bringen zu wollen. Und das, obwohl niemand das überhaupt zum Ziel erkoren hatte? Und warum eigentlich hieß der Irak-Feldzug "Operation Iraqi Freedom" - wenn das Thema doch offenbar laut El-Gawhary nicht einmal als rhetorisches Feigenblatt vorgekommen sein soll?

All das macht nicht den geringsten Sinn, paßt nicht annähernd zusammen. Es bleiben zwei mögliche Schlußfolgerungen: Entweder sitzt da jemand, der für gutes Geld von Dingen schreibt, über die er elementarste Dinge nicht weiß. Oder da sitzt jemand, der absichtlich Dinge schreibt, die nicht der Wahrheit entsprechen. Beide Varianten sind besorgniserregend. Am Besorgniserregendsten ist es für mich aber, daß das Publikum sich zuerst vor dem Krieg die Verrisse der "Domino-Theorie" durchliest, dann später zur Kenntnis nimmt, daß es eine solche Debatte in Wahrheit erst nach dem Krieg gegeben habe - und in beidem offenbar keinerlei Widerspruch erkennt.

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17/03/2005

Bush kämpft für Ideale der Linken

(Von Paul13)

Die Welt

Die Förderung von Demokratie im Nahen Osten erfordert von uns in Großbritannien und in Europa eine enge Zusammenarbeit mit den USA. Doch angesichts einer auf dem rechten Flügel stehenden amerikanischen Regierung, die ihre eigene Vision hat, wie man die Welt zum Guten verändern kann, sind viele Anhänger der Linken zu den unnachgiebigsten Verfechtern des Status quo geworden. Realisten und Idealisten scheinen ihre traditionellen Positionen getauscht zu haben. Der Hintergrund ist natürlich der Irak. Es wäre aber gefährlich für die Linken, sich als Gegner und Kritiker amerikanischer Macht und Ziele in eine bequeme Ecke zurückzuziehen.

[...] Präsident Bushs Erklärung, daß die Ausbreitung der Freiheit die beste Hoffnung auf Frieden in unserer Welt ist, steht in der großen Tradition von Wilson, Roosevelt, Kennedy und vielen anderen. Diese Tradition bietet uns die enorme Chance, an einer amerikanischen Außenpolitik teilzuhaben und diese mitzugestalten, die sich für Ziele engagiert, von denen wir uns seit langem inspirieren lassen. Das ist eine Chance, die die Linke nutzen sollte - und eine Chance für Europa, mit den USA zusammenzuarbeiten, nicht als stiller Partner, sondern indem die Europäer ihre eigenen starken Beziehungen zum Nahen Osten und ihre einmaligen Erfahrungen in der Verbreitung von Demokratie auf unserem Kontinent und an seinen Grenzen mit einbringen.

Man muß nicht jedes von Straws Worten aus diesem Artikel unterschreiben, aber damit, daß die Demokratisierung eigentlich ein linkes Projekt ist, welches von seinen Erfindern nur aus - m.E. oft unverhohlen antiamerikanisch motivierten - Abwehrreflexen gegenüber der US-Regierung verraten wird, hat Straw absolut recht. Das kann gar nicht oft genug betont werden.

Es ist eben kein Zufall, daß auffällig viele der fälschlicherweise so genannten NeoCons, die hinter diesem Projekt stehen, ursprünglich linke (oder sogar extrem linke!) Wurzeln haben. Und auch bei den wenigen offenen Unterstützern der US-Politik in Europa scheinen mir (ex-)Linke eher überrepräsentiert zu sein, während die traditionell amerikafreundlichen Konservativen aus Angst vor weiteren Wahldebakeln sicherheitshalber abgetaucht sind.

Daß aber die europäische Linke die Seiten gewechselt hat und zunehmend offener reaktionäre Diktaturen der übelsten Sorte stützen statt stürzen will, nur um den USA zu schaden oder ihrer Regierung wenigstens nicht recht geben zu müssen, wird eines Tages als ähnlich großes Versagen gewertet werden wie heutzutage die frühere kritiklose Unterstützung Stalins, Maos oder Pol Pots, zu denen sich heute auch niemand mehr bekennen mag.

So bitter und überraschend das für so manchen sein mag, der sich in seiner Ablehnung der Globalisierung der freien Märkte wie der freien Wahlen für progressiv hält, aber die Revolution kommt, wie Jean-Francois Revel bereits vor über 30 Jahren schrieb, tatsächlich aus Amerika. Und - die Ohren gespitzt! - Dubya ist der Oberrevoluzzer. So grausam kann Geschichte sein...

01/03/2005

Die Glut des latenten Antiamerikanismus

(Von David Kaspar)

Ray machte mich auf dieses äußerst interessante WELT-Interview mit dem Berliner Publizistik-Professor Lutz Erbring zum Antiamerikanismus in den deutschen Medien aufmerksam.

Hier einige Auszüge:

Schneisen durch Bagdad gebombt

Es ist erstaunlich, aber die journalistische Professionalitätsvorstellung geht bei Auslandsnachrichten schnell verloren. Bei Inlandsthemen würde es kein Journalist wagen, solche Texte zu verfassen, wie er sie ohne weiter nachzudenken über Ereignisse in Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder den USA schreibt. Diese Texte reflektieren typischer Weise die offizielle Linie der Regierung in Bezug auf die Außenpolitik. ...

Wir haben versucht, die auf die USA bezogenen Stereotypen, die immer wieder durchbrechen, zu klassifizieren. Sie reichen von Arroganz, über Unkultur, Doppelmoral, Prüderie bis hin zu Oberflächlichkeit und werden durch Medien wie Fernsehen, Radio, Zeitungen Zeitschriften vermittelt und verstärkt. Ein beliebiges Beispiel dafür war eine ARD Nachrichtensendung zum Beginn der Invasion in Irak vor etwa zwei Jahren, als die Moderatorin, ich glaube es war Anne Will, zu einer Zeit, als die aktive Bombardierung gerade voll im Gange war und die Amerikaner mit High-Tech Gerät und "intelligenten Marschflugkörpern" militärische Ziele herausgepickt haben, sagte: Die amerikanische Luftwaffe hat wieder "Schneisen durch Bagdad gebombt". "Schneisen" - das Wort erinnert natürlich viele Deutsche an die Flächenbomdardements im Zweiten Weltkrieg. Wenn man solche Formulierungen in den Nachrichten über ein innenpolitisches Konfliktthema benutzen würde: dann würden aber die Telephone heiß laufen. Ich bin sicher, in diesem Fall gab es kaum einen Anruf. ...

Der feuilletonistisch-kulturell bedingte Antiamerikanismus hängt mit der kulturellen Arroganz Europas zusammen, das sich als Gegenstück zu einem als kulturlos verstandenen Amerika begreift, und in seinen Anfängen bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er durch die positive Wirkung des Marshall-Plans und anderer US-Hilfsmaßnahmen in Deutschland zunächst jedoch nicht sehr stark ausgeprägt. Dramatisch verdüstert hat sich das Bild Amerikas in der deutschen Öffentlichkeit erst wieder in den späten sechziger Jahren mit den Studentenunruhen von 1968 und den weltweiten Protesten gegen den Krieg in Vietnam. In dieser Zeit wurde der Begriff "Amerikanisierung" in der öffentlichen Sprache zu einem virulenten Schimpfwort. ...

In fünf Jahren gibt es einen anderen Präsidenten und der Irak ist möglicherweise befriedet. Das hätte natürlich Auswirkungen auf die Stärke der Ressentiments, die sich an der gegenwärtigen Situation und an bestimmten Personen festmachen. Aber unter der Oberfläche schwelt leider die lange Glut des latenten Antiamerikanismus. Der hat eine lange Tradition und bleibt, auch wenn Präsident Bush nicht mehr im Amt oder Palästina befriedet ist. (Hervorhebungen durch uns)

Vieles an der deutschen Kritik in Politik und Publizistik an George Bush ist in der Tat kaum verhüllter Antiamerikanismus: nämlich stets dann, wenn sich die Kritiker Bushs zu seiner Beschreibung Stereotypen bedienen, die auch zu den Stützpfeilern des Antiamerikanismus zählen: Orientierung an kapitalistischen Wirtschaftsprinzipien, religiös-moralischer Unterbau der Politik, Glaube an die Wirksamkeit militärischer Abschreckung sowie Bereitschaft zum Handeln ("Can Do"-Mentalität). George Bush käme aus der Schandmaske deutscher Kritik nur heraus, wenn er die Beliebigkeitsformeln unserer Politik übernehmen würde. Zugleich allerdings verlöre er jeden Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung.

Ich ahne, wofür er sich entscheiden würde...

16/02/2005

Kyoto Nights

Abwechslung tut gut. Hier also ein fast sarkasmusfreier Beitrag zum Thema ... Klimaschutz:

(...) Die Befürworter [des Klimaschutzabkommens] argumentieren zudem, daß die Leistung des Kyoto-Protokolls nicht im Klimaschutz bestehe, sondern in der Bildung eines funktionierenden internationalen Regimes. Um die Staatengemeinschaft zur Teilnahme zu bewegen, habe man nicht gleich am Anfang zu anspruchsvolle Ziele definieren dürfen. So forderten die umweltpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Peter Paziorek und Marie-Luise Dött, das Kyoto-Protokoll durch ein "Kyoto-plus-Abkommen" weiterzuentwickeln. Kyoto sei ein "Erfolg", auf dem man sich "nun nicht ausruhen" dürfe.

Voilà, es bedarf nicht mal einer weiteren Kommentierung.

Warum es erwähnenswert ist?

Google News Treffer rund um das Klimaschutzabkommen.

Google News Treffer rund um Michael Jacksons Schwächeanfall.

Dafür, dass es um Milliarden geht, reagiert die deutsche Presselandschaft erstaunlich reserviert. Man könnte auch sagen, sie setzen Prioritäten.

(Ich schrieb "fast sarkasmusfrei".)

29/01/2005

Die Welt: Interview mit Richard Perle

Die Welt: Der neokonservative Vordenker Richard Perle über George W. Bush, den Irak-Krieg, Multilateralismus und die Schwäche der UNO.

27/01/2005

Einmal mit offener Tendez, einmal mit versteckter

(Von David Kaspar, Übersetzt aus dem Englischen von David Harnasch)

Heute sah man eine ziemlich tendenziöse Interpretation der Entscheidung Israels, vorerst keine militanten Palästineser mehr zu töten:

Bis heute dachte ich, Lynchjustiz sei eher eine palästinensische Spezialität...

Jedenfalls brauchte die normalerweise pro israelische WELT nicht lange, um die Überschrift zu korrigieren::

Ich wäre wirklich froh, wenn die deutschen Medien ihre voreingenommene Berichterstattung über den israelisch/palästinensischen Konflikt immer so schnell korrigieren würden...