Bomber reagieren auf Bomben
(Von Paul13)
Gegen den islamischen Terrorismus helfen keine militärischen Maßnahmen. Mehr Sicherheit brächte nur das Ende der Besetzung Iraks, Afghanistans und Palästinas
Kaum ist man mal ein paar Tage außer Haus, schon tazzen die Mäuse auf den Tischen. Zum Glück gibt es aufmerksame Leser, die einen auf die gröbsten Schnitzer in der veröffentlichten Meinung hinweisen. Denn so etwas wie dieses Machwerk kann nicht unwidersprochen bleiben.
Tony Blairs Antwort auf die Angriffe auf London waren charakteristisch. Flankiert von George W. Bush und Jacques Chirac, stellte er zivilisatorische Grundsätze ins Zentrum: Die Barbaren würden "unsere Zivilisation" angreifen, so lautete seine Interpretation der Ereignisse. Keine andere Erklärung wurde für nötig gehalten.
Wieso auch? Wenn ein vorsätzliches Massaker an unbeteiligten Zivilisten wie das in London nicht barbarisch ist, was denn dann?
Warum zielten diese Barbaren nicht auf Paris oder Berlin? Warum auf Madrid und London? Könnte es sein, dass diese schrecklichen Akte etwas mit dem anhaltenden Krieg im Irak zu tun haben, wo "zivilisierte" Eroberer sich nicht einmal die Mühe machen, die Opfer unter den irakischen Zivilisten zu zählen?
Erstens sagt es viel über den eigenen politischen Standort aus, wenn man den Sturz einer Diktatur als Eroberung statt als Befreiung ansieht, zweitens bemühen sich die Alliierten wenigstens, zivile Opfer zu vermeiden statt wie ihre Gegner deren Zahl möglichst zu maximieren, und drittens wußte ich bisher nicht, daß die Website iraqbodycount.net von al-Qaida betrieben wird, um die unverhältnismäßig hohe Zahl an zivilen Opfern von Terroranschlägen im Irak anzuprangern. Aber man lernt ja nie aus.
Zudem ist es nicht das erste Mal, dass London von Organisationen angegriffen wurde, die in Opposition zur britischen Regierung stehen. Erinnert sich jemand heute noch an den Umgang mit Irland?
Ist das nicht da gewesen, wo die britische Regierung die bedingungslose Kapitulation erklärt hat, wie ein geprügelter Hund sämtliche Truppen aus Nordirland zurückzog und dann demütig die siegreiche IRA bat, wenigstens einen Teil der protestantischen Kollaborateure am Leben zu lassen? Daraufhin sind, wenn ich mich recht erinnere, die Leute von Sinn Fein scharenweise in die Kirche gelaufen, ließen sich die Beichte abnehmen, und beschlossen fortan bessere Menschen zu werden. Und wenn sie nicht gestorben sind, helfen sie auch heute noch alten Omas über die Straßen von Belfast.
In der letzten Phase des Konflikts zielte die IRA auf die britische Insel: Fast hätte sie damals Margaret Thatcher und ihr Kabinett in die Luft gesprengt, als die im Grand Hotel in Brighton zu einer Konferenz der Konservativen Partei weilte und eine Bombe im Tagungshotel hochging. Einige Monate später wurde eine Rakete auf die Downing Street Nr. 10 abgefeuert, den Amtssitz der Regierungschefin. Und auf Londons Finanzviertel wurde damals ebenfalls ein Anschlag verübt, was große Sachschäden verursachte.
Die Identität der Organisation, die diese Terrorakte ausführte oder ihre Forderungen auf diese Weise unterstreichen wollte, war kein Geheimnis. All dies passierte, obwohl es die Möglichkeit einer "Haft ohne Anklage" gab. Und es geschah trotz der ganzen anderen Gesetze, die vom Unterhaus zur Abwehr von ebendiesem Terrorismus verabschiedet worden waren.
Ohne diese Gesetze hingegen hätte die IRA sicherlich die Waffen abgegeben und sich auf passiven Widerstand beschränkt. Sind ja eigentlich nette Kerle, die den andersgläubigen Iren nur deswegen die Kniescheibe rausschießen müssen, weil das böse Albion so infam ist. Ich bin beeindruckt. Noch besser kann man seine eigene Argumentation eigentlich kaum ad absurdum führen als der Autor dieses TAZ-Artikels.
Die Attentäter, deren Bomben am 7. Juli in Londons öffentlichen Verkehrsmitteln explodierten, sind dagegen anonym. Zwar gibt es inzwischen Bekennerschreiben im Internet, von denen noch nicht genau zu sagen ist, ob sie echt sind. Doch es wird in jedem Fall angenommen, dass die verantwortlichen Gruppen oder Individuen mit al-Qaida in Verbindung stehen. Doch Genaues wissen wir einfach nicht. Und al-Qaida ist nicht die einzige existierende Terrororganisation. Sie hat Rivalen innerhalb der muslimischen Diaspora.
Und? Macht ein freier Wettbewerb auf dem Markt des Terrorismus irgendeinen Unterschied in der Bewertung der Tat selber?
Auf seiner Website machte der Economist gestern den Interpretationsvorschlag: "Es ist nicht unmöglich, dass eine Gruppe von Antikapitalisten oder Globalisierungsgegnern die Explosionen verursachte, zeitlich abgestimmt mit dem G-8-Treffen." Aber ich glaube, dass das auszuschließen ist.
Ganz auszuschließen wäre das bei einer Bewegung mit einem derartig hohen Gehalt an rechts- und linksradikalem Gedankengut zwar nicht, aber im konkreten Fall ist dies zugegeben eher unwahrscheinlich. Nicht zuletzt weil die Eitelkeit der erwähnten Klientel kaum unwidersprochen ließe, wenn sich andere mit den eigenen Anschlägen brüsteten.
Es gibt in der Bewegung für globale Gerechtigkeit keine Strömung, die davon ausgeht, dass es irgendeinen Sinn macht oder das Recht gibt, Zivilisten anzugreifen
Das hingegen ist schon ziemlich weit hergeholt. Diese Bewegung ist ja gerade deswegen ins Gerede gekommen, weil in ihren Kreisen auch ausdrücklich gegen Zivilisten gerichtete Terrorakte nur zu gerne als legitimer Widerstand gerechtfertigt werden. Zumindest solange sie Juden treffen. Sich so an "die Bewegung" ranzuschleimen ist im übrigen peinlich. Und zwar für beide Seiten.
Es ist deshalb sicher anzunehmen, dass die Ursache der Bombenattacken in London vor zwei Tagen in der - sowohl politisch wie auch militärisch - großzügigen Unterstützung liegt, die New Labour und ihr Premierminister für die US-Kriege in Afghanistan und Irak aufbringen.
Dem würde ich hingegen durchaus zustimmen. Nur würde ich andere Schlüsse daraus ziehen. Denn die Ursache der deutschen Bombenattacken auf London lag ebenfalls an der Unterstützung, die Großbritannien und sein Premierminister für Polen und Frankreich aufbrachten. Die hätte man natürlich auch unterlassen können. Hat man aber nicht. War das jetzt ein Fehler?
Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone hatte stets viele Argumente gegen eine britische Kriegsbeteiligung ins Feld geführt. Er war vorausschauend, als er an Blair appellierte, den Krieg im Irak nicht zu unterstützen: "Ein Angriff auf den Irak wird die Weltöffentlichkeit spalten und die Sicherheit und den Frieden überall gefährden. London als eine der großen Städte der Welt hat bei einem Krieg viel zu verlieren. Demgegenüber hat die Stadt durch eine Unterstützung von Frieden, internationaler Zusammenarbeit und globaler Stabilität viel zu gewinnen."
Deswegen sind wir ja auch froh, daß Ken Livingstone nur heute Bürgermeister von London ist und nicht bereits vor 65 Jahren. Ist zwar immer noch schlimm genug, aber wenigstens müssen die Engländer deswegen nicht zur Strafe auch gleich noch Marschmusik hören und Sauerkraut essen.
Das Ziel der Bomber dürfte gewesen sein, London zum Erliegen zu bringen, während Bush und Blair in einem fernen schottischen Außenposten den G-8-Gipfel veranstalteten (oder war es gar als eine warnendes Signal an das Olympische Komitee gemeint?).
Was? Sollte an der Theorie mit dem französischen Geheimdienst tatsächlich was dran sein?
Doch die Mehrheit der Londoner wie auch der Bewohner des übrigen Landes waren mehrheitlich gegen den Krieg im Irak. Tragischerweise mussten solche Menschen die Anschläge über sich ergehen lassen und den Preis zahlen sowohl für die Wiederwahl Blairs als auch für die Fortsetzung des Krieges. Oder, wie der angesehene englische Schriftsteller John Lanchester kürzlich über New Labour schrieb: "Was das Verhältnis von New Labour zu Amerika angeht, so ist es nur mit dem Ineinander-verkeilt-Sein von Hunden während des Geschlechtsakts zu vergleichen, die in dieser Situation unmöglich voneinander zu trennen sind."
Es geht doch nichts über eine ausgefeilte Argumentation, die Faktoren wie Faschismus, Diktatur, Massengräber, Folterkammern, Judenhaß, Terrorismus, Massenvernichtungswaffen etc. in ein angemessenes Verhältnis zueinander zu setzen weiß. Weswegen ich jetzt auch nicht näher darauf eingehen werde, inwieweit gewisse angesehene Schriftsteller mit gewissen weniger angesehenen Diktatoren verkeilt sind.
Seit dem 11. September habe ich immer wieder gesagt, dass der "Krieg gegen den Terror" unmoralisch und kontraproduktiv ist. Denn er billigt den Gebrauch von Staatsterrorismus - Bombardierungen, Folter, unzählige getötete Zivilisten in Afghanistan und Irak - gegen Islamoanarchisten, deren Zahl klein ist, die aber dennoch eine tödliche Reichweite entwickelt haben.
Wie bitte? Ich dachte immer, das wären Soldaten gewesen, die den II. Weltkrieg gewonnen hätten. Und jetzt erfahre ich, daß es Terroristen waren, die den Adolf aus seinem Führerbunker gebombt haben? Respekt! Da sage noch mal jemand was gegen die langhaarigen Bombenleger, die damals in der Normandie gelandet sind.
Die Lösung damals wie heute muss auf politischem und nicht auf militärischem Terrain gesucht werden. Die britische Elite hat dies im Fall von Irland sehr wohl verstanden. Sicherheitsmaßnahmen, eilig durchs Parlament gebrachte Antiterrorgesetze, die Einführung von Personalausweisen sowie Einschränkungen der Freiheiten der britischen Bürger werden das Problem nicht lösen. Wenn sie überhaupt etwas bewirken, werden sie junge Muslime in Richtung sinnloser Gewalt drängen.
Ganz wichtig, Personalausweise! Angesichts solch demütigender Zumutungen bleibt jungen Muslimen gar nichts anderes übrig, als zu sinnloser Gewalt zu greifen. Deswegen haben wir ja auch diese schrecklichen Terrorwellen in Deutschland, wo sich junge Muslime zu tausenden in die Luft sprengen, weil sie es einfach nicht ertragen können, einen Personalausweis mit sich führen zu müssen. Kann man verstehen. Muß man aber nicht.
Die wirkliche Lösung liegt in der schnellen Beendigung der Besetzung des Iraks, Afghanistans und Palästinas.
Klar. Die Amis räumen Irak und Afghanistan, setzen die Taliban und Saddam Hussein wieder ein, und plötzlich meinen Bin Laden & Co. "Ey, cool, Dubya, dann können wir ja Freunde sein. Ihr laßt uns hier wieder in Ruhe unsere Frauen steinigen und Ungläubige ermorden, und dafür sprengen wir keine U-Bahnen mehr in Euren Großstädten. Darauf einen Doppel-Whopper mit Käse!" Klingt glaubwürdig, zumal die in den späten 90er-Jahren begonnenen Planungen für 9/11 bekanntlich ja nur eine Reaktion auf die Jahre später stattfindenden Interventionen im Irak und in Afghanistan waren.
Was Palästina angeht, liegt die Sache sogar noch etwas komplizierter. Denn da müßte man sich erst mal darauf einigen, was man überhaupt unter Palästina versteht. Sofern nicht Hamas und Hisbollah kürzlich überraschend und von den Medien völlig unbemerkt eine totale Kehrtwende gemacht haben und ihre Mitglieder jetzt mit "Juden? Find ich gut!"-Buttons auf dem Palituch rumlaufen, ist nach der Logik der TAZ erst dann Ruhe, wenn die zionistischen Besatzer von Tel Aviv wieder in Brooklyn oder im russischen Ghetto sitzen. Das kann aber dauern. Da werden wir mit dem Zorn der jungen Muslime wohl noch ein Weilchen leben müssen, selbst wenn Otto Schily die Personalausweise morgen wieder einsammelt.
Nur weil über diese drei Kriege nur sporadisch berichtet wird und sie den meisten Bürgern Europas nur wenig bedeuten, heißt dies nicht, dass die Wut und Bitterkeit, die die Kriege in der muslimischen Welt und ihrer Diaspora verursachen, unbedeutend sind.
Nur sporadisch? Na, da bin ich aber mal gespannt, über welche Kriege mehr berichtet wird. Etwa den Vernichtungskrieg in Darfur, der regelmäßig hunderttausende von Demonstranten auf die Straße treibt? Den Krieg Kim Jong Ils gegen das eigene Volk, der unzählige Nordkorea-Solidaritätsgruppen aus dem Boden sprießen ließ? Gar der afrikanische Weltkrieg im Kongo, der mehrere Millionen Menschenleben kostete und es anders als Abu Ghureib bekanntlich immer wieder auf die Titelseiten westlicher Nachrichtenmagazine schafft?
Politiker aus dem Establishment haben wenig Kontakt mit der Jugend, und dies trifft insbesondere auf die arabische Welt zu. Solange westliche Politiker ihre Kriege führen und ihre Kollegen in der muslimischen Welt schweigend zuschauen, werden junge Menschen von Gruppen angezogen werden, die immer wieder Racheakte durchführen.
Tja, sowas kommt eben von sowas. Hätte die CIA nicht vor über tausend Jahren den Koran gefälscht und Generationen unschuldiger Muslime so in Wissenschaftsfeindlichkeit, Frauenverachtung, Barbarei und Despotie getrieben, müßten sich heute nicht Myriaden junger Muslime mitsamt ihren Personalausweisen in israelischen Restaurants, britischen U-Bahnen und amerikanischen Wolkenkratzern in die Luft sprengen.
Zu Beginn des G-8-Gipfels wies Tony Blair darauf hin: "Armut ist die Ursache für Terrorismus." Dies war ein recht fortschrittlicher Gedanke für einen so reaktionären Politiker wie ihn.
Wenn Tony Blair bereits reaktionär ist, was sind dann erst die üblichen arabischen Despoten, ganz zu schweigen von deren islamistischen Gegnern? Und als was könnte man dann den Autor dieses TAZ-Artikels bezeichnen?
Aber so ist es in der Realität nicht. Die Hauptursache für diese Gewalt ist die Gewalt, die den Menschen in der muslimischen Welt angetan wird. Die Bombardierung unschuldiger Menschen in Bagdad, Dschenin und Kabul ist genauso barbarisch wie die in New York, Madrid oder London.
Schon bei Baghdad und Kabul wird das ganze lächerlich, denn niemand hat dort so viele Menschen ermordet wie die Diktaturen, die die USA dort glücklicherweise zum Teufel gejagt haben. Daß aber in der TAZ jemand im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von London allen Ernstes das Wort "Dschenin" in den Mund nehmen darf, ohne daß sofort die Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Autor aufgekündigt wird, ist ein Armutszeugnis.
Und solange das nicht anerkannt wird, wird der Horror weitergehen.
Hm, wenn wir uns damit in Zukunft einen Horror wie diesen TAZ-Artikel ersparen könnten, sollten wir vielleicht tatsächlich in Erwägung ziehen das anzuerkennen.
TARIQ ALI
Tariq Ali? Tariq Ali… Ist das nicht der Tariq Ali, der sich seit Jahren für die Demokratie in den arabischen Ländern einsetzt? Der in Talkshows so engagiert für die Anpassung des Islam an die liberale Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts streitet? Der so energisch für die Menschenrechte unterdrückter Muslime kämpft? Den nichts so sehr aufregt wie der Massenmord durch Gewaltherrscher, die mit ihren Untaten den Namen des Islam in den Dreck ziehen? Dessen Unterschrift deshalb auf keiner Liste fehlt, die den Sturz arabischer Tyrannen fordert? Nein, da muß ich ihn wohl verwechselt haben, der ist's wohl eher nicht...