Freiheit & Frieden
(Von Greg B. Grabinski)
An den 11. September 2001 erinnere ich mich wie an gestern. Kurz nachdem auch das zweite Flugzeug ins den zweiten WTC-Turm donnerte, sass ich in einer Französisch-Stunde, in welcher ich auf Grund meiner damals sehr erbärmlichen Französischkentnisse keinem so richtig vermitteln konnte, was passiert war. Bis ich wirklich realisierte, was geschehen war - nämlich eine Attacke auf die Vereinigten Staaten von Amerika und somit den gesamten Westen - dauerte es aber noch ein paar Stunden. Oder Wochen. Die Idee, dass jemand Flugzeuge in Gebäude fliegen könnte, nur um diese zu zerstören war einfach surreal. Die Verwirrung dominierte alles, keiner wusste so richtig was geschehen war, noch was passieren würde. Eine solche betrübte Weltuntergangsstimmung würde ich gerne nie wieder erleben.
Der Tag danach war auf eine Art noch absurder: Jeder hatte seine Version der Geschichte, jeder hatte seine Erklärung für jedes der Flugzeuge, jeder wusste, wo das Vierte hätte reinkrachen sollen, jeder wusste, wie George W. Bush reagieren würde, jeder wusste, wie man reagieren sollte. (Der Genfer Konsensus war: Nichtstun, da Spirale der Gewalt.) Im krassen Gegensatz stand der Unterricht dazu. So rührte kein Lehrer die Ereignisse vom Vortag an und spulte das übliche Programm ab als wäre nicht gerade Geschichte geschrieben worden. Unter Freunden regierte ein komische Leere: Nachdem man alles über die Ereignisse vom Dienstag ausgetauscht hatte, versuchte man über Normales, Alltägliches zu reden, aber Sinn machte dies nicht.
Diese Atmosphäre hielt aber nicht lange an. Zum Glück, denn sehr tragbar war sie nicht, aber dies machte auch den Weg frei für die intellektuellen Primaten. So regte man sich darüber auf, dass drei Schweigeminuten - welche selbst von den öffentlichen Verkehrsmitteln eingehalten wurden - für die Opfer einberufen worden waren und nicht für die Opfer von Hiroshima. Einige hielten die Anschläge sogar für gerechtfertigt, ausser dass ihnen doch lieber gewesen wäre, wenn keine Zivilisten getroffen worden wären - jene in den Flugzeugen waren aber Kollateralschäden, über welche sie sonst so genüsslich lamentieren. Am Freitag meinte ein Philosophie-Lehrer - nachdem Bush erklärt hatte, er werde nicht still sitzen - mit einem süffisantem Grinsen, »pas tout ce qui est bien, est Américain« (nicht alles was gut ist, ist amerikanisch). Ein Physik-Lehrer tischte Verschwörunsgtheorien auf, bei welchen selbst Bröckers blass geworden wäre. Einig waren sie sich bloss in einem einig: Was auch immer die amerikanische Regierung tun würde, es würde alles nur noch schlimmer machen.
Zu dieser Erkenntnis kam der Spiegel Online schon am selben Abend. Im Artikel »Der Gigant ist verletzbar« - man muss nicht sonderlich böse sein, um schon im Titel eine gewisse Genugtung herauszuhören - erklärte Harald Schumann, dass was auch immer Bush unternehmen würde, friedlicher würde die Welt nicht werden. Dies dürfte wohl die Mär begraben, dass Amerika durch die Art und Weise der Antwort auf den Angriff all den Hass auf sich zog: Man gab ihr keine Chance. Hätten die Amerikaner keine Reaktion gezeigt und gesagt »Ja, wir haben’s verdient«, vielleicht dann wäre man in Europa glücklich gewesen.
Die gefeierte Le Monde-Kollumne von Colombani, welche erklärte, dass wir alle Amerikaner seien und als der Beweis des europäischen Pro-Amerikanismus gelten soll, war in der Realität nicht so wahnsinnig positiv gestimmt: Schon dort wurde den Amerikaner vorgehalten, selbst Schuld zu sein. Amerika hätte seine Reize verloren, niemand würde mehr von den USA träumen und sowieso, die Amis haben bin Laden eigenhändig gezüchtet, stand dort. Zumindest das letzte Argument ist schlicht und ergreifend falsch, dies ist eine Urban Legend: Zwei Gruppierungen kämpften nämlich in Afghanistan gegen die Soviets und die Amerikaner unterstützten finanziell - wie Saudi Arabien, Pakistan, China, Ägypten, und Grossbritanien - die afghanischen Kämpfer, während die »Afghanischen Araber«, welchen bin Laden angehörte, ihre eigenen Finanzierungswege hatten. Mal davon abgesehen, dass sich Experten einig sind, dass bin Laden schon damals die Amerikaner nicht ausstehen konnte. Colombani, im September noch Amerikaner, stellte die USA ein paar Monate später in einem Brief an seine amerikanischen Freunde, auf eine Stufe mit Saudi Arabien, da in einigen US-Schulen, auch Kreationismus unterrichtet wird. Le Mondes Schwesterzeitung, Le Monde diplomatique, hatte dann aber für das »Nous sommes tous Américains« nur noch Spott übrig: »Alles Amerikaner, alle leben wir in New York und sprechen Englisch!«
Spätestens als sich herauskristallisierte, dass George W. Bush Afghanistan angreifen würde, gab es selbst für die breite Masse kein Halten mehr. Zehntausende gingen in allen europäischen Städten auf die Strassen und vermuteten die üblichen, finsteren Motive hinter der Operation »Enduring Freedom«. Die sogenannte Elite bewegte sich schon damals jenseits von Gut und Böse: Karlheinz Stockhausen war beeindruckt von der Präzision der Anschläge und war voller Bewunderung für das »Kunstwerk«, welches die Terroristen kreiert haben. Jean Baudrilliard, seines Zeichen französischer Philosoph und deshalb wohl wichtig als auch repräsentativ, sprach für uns alle, als er sagte, wir hätten von einem solchen Ereignis geträumt, weil niemand anders kann, als von der Zerstörung einer Hegemonialmacht zu träumen. Günther Grass erspähte in Bush’ Rethorik die Kristallsnacht.
Man muss glücklich sein, dass nicht die Public Opinion oder die »Elite« handelte, sondern das Bush-Team. Trotz aller Fehler und Missgeschicke hätte wohl kaum ein Anderer die Führung der »Free World« so gemeistert. Auf jeden Fall keiner von denen, die meinten zu wissen wie es geht. George W. Bush wurde fast über Nacht von einem schwächelndem, isolationistischem Präsidenten aus Texas zu einem Verfechter der globalen Freiheit und Demokratie.
Die Washingtoner NeoCons waren insgesamt gesehen, die Einzigen, mit einem Plan für den Sieg über den Terror. Der zentrale Punkt war und ist ein Glaube, dass alle Menschen nach Freiheit und Demokratie streben sowie dass diese Konzepte dafür sorgen, dass Leute nicht in Extremismus fallen. Einige Bush-Verfechter - in den USA wie auch hier - verfielen leider in eine gewisse Islamophobie, welche diese Kernidee der amerikanischen Aussenpolitik ad absurdum führt. Jedoch scheinen die NeoCons Recht behalten zu haben: Umfragen aus dem islamischem Raum zeigen einen Rückgang von Unterstützung für Islamisten und einen relativ neuen Glauben an Demokratie. Einer der Hauptfaktoren dabei dürfte Al-Jazeera gewesen sein, denn unterdrückte Muslime in anderen Ländern sahen Iraker und Afghanen auf dem von uns so verhasstem Sender wählen gehen und fragten sich, warum nicht bei uns, warum können wir nicht entscheiden, wer über uns das Sagen hat?
In der ganzen islamischen Welt sind feine Fortschritte erkennbar: Ägypten und Saudi Arabien strecken ihre Fühler zaghaft in Richtung Demokratie. In Palästina gab es auch Wahlen, welche zwar ihren Namen nicht so ganz verdient hatten, aber immerhin. In Kuweit erhielten Frauen plötzlich politische Rechte und durften wählen und gewählt werden. Der Libanon befreite sich von Syrien. Irak und Afghanistan sind die ersten, wenn auch fragilen, islamischen Demokratien.
Der Demokratisierungsprozess dürfte noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, aber genau deshalb dürfen wir nicht jetzt aufhören. Die Bush-Adminstration muss in Ägypten die sehr langsam anrollende demokratische Revolution unterstützen und überwachen, dass sie weiterrollt. Sie muss zusehen, dass die ersten lokalen Wahlen in Saudi Arabien bald national werden, Frauen daran teilnehmen werden und dass sie eine Bedeutung haben werden. In Palästina muss man zusehen, dass man nicht unendlich Geld in Propaganda pumpt, welche die Palästinenser die Juden hassen lässt. Die Amerikaner dürfen - militärische Notwendigkeit hin oder her - nicht mit Regimes wie jenen in Pakistan kuschen; Es ist eines der wenigen Ländern, in welchem der Extremismus zugenommen hat. Syrien ist einer der grössten Terror-Exporteure, aber auch fragil. Vor wenigen Jahren hatte man dort die Wahl zwischen der Baath-Partei und der muslimischen Brüderschaft gehabt, aber mittlerweile scheinen sich die Moderaten im In- und Ausland zu formieren. Sie sind zu unterstützen. Eine klare Linie in der Iran-Frage ist immer noch nicht erkennbar, obwohl es die grösste Macht der Region ist. Es ist von allerhöchster Wichtigkeit, Dissidenten zu unterstützen, so wie dies in den 80er-Jahren mit jenen im kommunistischem Osten geschah, denn auch wenn militärische Eingriffe manchmal notwendig sind, wäre es wünschenswert, die Demokratiesierung der islamischen Welt möglichst ohne solche zu vollenden. Dissidenten und Widerstandsbewegungen sind der Schlüssel dazu.
Osama bin Laden sagte einmal, dass der grösste Unterschied zwischen seinen Anhängern und den USA ist, dass diese das Leben lieben, sie den Tod. Ich würde vorschlagen, wir stellen uns auf Amerikas Seite und helfen Osamas Anhänger auf der Suche nach ihrer Liebe. Wir haben die historische Verpflichtung der islamischen Welt zu helfen, sich von ihren Unterdrückern zu befreien. Dies wird nicht nur hunderten Millionen von Menschen ein besseres Leben ermöglichen, sondern auch uns. Freiheit ist auf längere Sicht der einzige realistische Weg Terrorismus und Extremismus zu bekämpfen. Sie ist auch das Rezept für Frieden.