Mehr Nachrichten, die keine sind
(Von Wuldorblogger)
Wieder einmal ein paar Dinge, die in den letzten Tagen passiert / bekannt geworden sind, aber hierzulande (fast) nirgendwo berichtet wurden:
- Bei den letzten "Nachrichten, die keine sind" sprach ich das Thema bereits an: die Zahl der amerikanische Opfer im Irak ist spürbar zurückgegangen. Da nun die Zahlen für den März feststehen, lohnt es sich, noch einmal darauf einzugehen.
Im März starben im Irak leider 31 US-Soldaten durch Feindeinwirkung. Damit setzt sich allerdings ein erfreulicher Trend eindeutig fort: Die Zahl der getöteten GIs nimmt seit dem Gipfel im November - wie gesagt: die Falludscha-Offensive, die angeblich die "Aufständischen" erst richtig anstacheln würde - kontinuierlich und deutlich ab. Und die Zahl der Verluste im März 2005 ist die geringste seit dem Februar letzten Jahres. Hier die graphische Darstellung von icasualties.org:
Meine bescheidene Frage: Als die Verluste der Amerikaner im Irak zunahmen, war das den deutschen Medienschaffenden gern mal eine dicke Schlagzeile und einen reißerischen Artikel wert. (Beispiel "Spiegel Online", 30. November 2004: "US-Armee im Irak: Nie zuvor fielen in einem Monat mehr GIs") Über die Rückgänge nun hört man aber kaum etwas, während einem die Fernsehbilder vorgaukeln, es habe sich nichts geändert. Zufall?
- Ein führendes Mitglied der amerikanischen Regierungsmannschaft bekennt sich schuldig, unerlaubterweise geheime Dokumente über die Regierungsarbeit in der Frage der Terrorismusbekämpfung entwendet und teilweise vernichtet zu haben - nachdem er im Sommer 2004 noch von einem "Fehler" gesprochen hatte. (Dabei handelt es sich anscheinend zwar nur um Kopien, allerdings um mit einmaligen handschriftlichen Notizen versehene, deren Inhalt nun niemand mehr erfahren wird.)
Tja, sagt der geneigte Kritiker dieser Seite, das ist doch der Beleg: Da wird ein doch recht bedenkliches Vorgehen eines Bush-Beraters hierzulande totgeschwiegen. Wird es allerdings nicht. Es handelt sich nämlich bei dem Mann um Sandy Berger, den Sicherheitsberater Bill Clintons. Zweifelt jemand daran, daß ein ähnliches Handeln von einem Mitglied des Bush-Teams in Deutschland längst in aller Munde wäre?
- 59 Diplomaten haben in einem offenen Brief gegen die Nominierung John Boltons zum UN-Botschafter der USA protestiert - was man in den deutschen Medien natürlich pflichtschuldig berichtete. (Bei "Spiegel Online" etwa nutzte man einen scheinbaren Bericht über diese Nachricht gleich zu ein paar subtilen Meinungsbeiträgen):
Der wegen seiner ruppigen Manieren gefürchtete Hardliner hat aus seiner Verachtung für die Uno nie einen Hehl gemacht: "Das Hauptquartier am East River hat 38 Stockwerke, wenn es 10 weniger wären, würde es nicht den kleinsten Unterschied machen."
Laut Bolton sollte im Sicherheitsrat nur eine Nation über Sitz und Stimme verfügen:die USA. Bolton als Botschafter bei den Vereinten Nationen - das sei, als übernähme Iran den Vorsitz der Uno-Kommission für Frauenrechte, schrieb die Berliner "taz".
Nun haben - laut SPON-Partnerblatt "New York Times", sonst bei jedem Bush-bashing gern zitiert - 66 Diplomaten und Politiker Bolton ihre Unterstützung ausgesprochen und seinen Gegnern politische Motive vorgeworfen. Darunter Clintons CIA-Chef Woolsey und Reagans Verteidigungsminister Weinberger. Seltsamerweise allerdings dazu bis jetzt kein Bericht bei SPON und auch sonst weitestgehend Schweigen im Blätterwalde...
- Während der Diskussion um Terri Schiavo berichteten einige US-Medien von einem angeblichen republikanischen Memorandum, nach dem der Fall ein gute Gelegenheit sei, bei der politischen Basis zu punkten. Das wurde natürlich in deutschen Medien mit großer Begeisterung aufgegriffen, allen voran von der guten, alten ARD.
Zum Beispiel beim Bayrischen Rundfunk:
"Der Fall sei ein großartiges politisches Thema und mache den Demokraten mächtig zu schaffen, heißt es in einem Memorandum der Republikanischen Partei."
Bei tagesschau.de:
"Mit anderen Worten ein Übergriff der Bundesregierung, ein Eingriff in Rechte und Zuständigkeiten der Bundesstaaten. Doch die scheinen den regierenden Republikanern und ihrem Präsidenten in diesem Fall weniger am Herzen zu liegen als der Fall Schiavo. Der sei ein großartiges politisches Thema und mache den Demokraten mächtig zu schaffen, heißt es in einem Memorandum der Republikanischen Partei."
(Übrigens beendet der Autor, ein Deutschlandfunk-Journalist, seinen als Bericht verkleideten Beitrag folgendermaßen:
"Als er noch Gouverneur von Texas war hat Bush häufiger Entscheidungen über Leben und Tod gefällt. Gnadenlos. In keinem Fall gab es Aufschub für die Todeskandidaten, in keinem einzigen Fall spielte das in der Verfassung verbriefte Recht auf Leben eine Rolle."
Trennung von Bericht und Meinung? Wozu?)
In der "Süddeutschen Zeitung"
(in einem insgesamt für Menschen mit starkem Herzen wunderbar lesbaren
Artikel, voll mit "Fundamentalismus"; Bushs skrupellosem Ausnutzen von
Terri Schiavo zur gezielten Aushebelung der Gewaltenteilung; etc. pp.):
"Seit einigen Monaten schon zirkuliert in Parteikreisen ein anonymes Memorandum. Es weist darauf hin, dass der Fall Schiavo für die Demokraten "harter Stoff" sei, wenn nicht sogar ein unlös bares politisches Dilemma."
"Rathergate"-Kenner werden nicht überrascht sein zu erfahren, daß die Story sich mal wieder als Luftnummer erwiesen hat. Nach dem üblichen Nachhaken der Blogger und dem ebenso üblichen "stonewalling" der verantwortlichen US-Medien (in diesem Fall ABC und "Washington Post") ist nun so gut wie sicher, daß niemand weiß, wer das Memorandum verfaßt hat, wo es herkommt, und welchen Zweck es erfüllen sollte.
"Washington Post"-Medienkritiker Howard Kurtz zitiert:
"Post reporter Mike Allen, who was unaware the news service had distributed the earlier version, said last week that the paper was careful not to say it was "a Republican memo."
Und eine andere Post-Mitarbeiterin:
"[...] the memo was unsigned. The authorship remains unknown."
Also ein nicht unterzeichnetes Memorandum eines unbekanntes Verfassers, das aufgrund zweideutiger Berichte einiger US-Medien als "Beleg" dafür verwendet wurde, daß die Republikaner den Fall Schiavo politisch instrumentalisieren wollten. Auf eine Klarstellung der nicht unbedeutenden Tatsache, daß es sich hier zwar um "ein Memorandum" handelt, aber keineswegs nachweislich um ein "republikanisches Memorandum" warte ich bei den deutschen Medien allerdings bisher vergeblich...
(Mehr zu dieser Story findet sich u. a. hier, ein "Weekly Standard"-Artikel von John Hinderaker von Powerline, die die Geschichte wieder einmal vorangetrieben haben.)
- 64 sunnitische geistliche Führer haben ihre irakischen Glaubensbrüder dazu aufgerufen, den nationalen Sicherheitskräften beizutreten. Es handelt sich dabei um keine "Marionetten" der USA, sondern um Kleriker, die die Mitglieder der Sicherheitskräfte früher noch als "Verräter" bezeichnet hatten.
- Während in der Regel jede Auslassung eines zweitklassigen Hollywood-Stars zur US-Politik in epischer Breite berichtet wird, las man erstaunlich wenig über die Äußerungen Richard Geres zu einer möglichen Aufhebung des EU-Waffenembargos gegen China. ("Spiegel Online" etwa schnitt das Thema nur in seinem englisch-sprachigen Angebot an - in einer Kurzübersicht, die mit "Waiting for Justice in Guantanamo" betitelt ist, was die Prioritäten wunderbar deutlich macht...)