Keinen blassen Schimmer
(Von Wuldorblogger)
Es ist zwar eigentlich Schnee von gestern, aber ich habe die alten US-Wahlblogs von "tagesschau" und "heute" / Deutsche Welle für mich wiederentdeckt. Sie sind unsagbar lehrreich, und geradezu prädestiniert für unser Ziel, die Voreingenommenheit und häufig auch Ahnungslosigkeit deutscher Journalisten offenzulegen. Denn in einem Blog kann man freier von der Leber weg schreiben, ohne die Floskeln, mit denen man sonst Objektivität gern vorzugeben versucht. Das heißt, hier haben wir so etwas wie ein "Unplugged" der Ansichten und des Wissensstandes deutscher Journalisten, die unvermeidlicherweise auch deren Berichterstattung zugrunde liegen.
Ich werde also voraussichtlich in der nächsten Zeit öfter noch einmal auf diese Blogs zurückgreifen, weil es zu schade wäre, solch wunderbare Perlen der Voreingenommenheit und solchen Unwissens verkommen zu lassen. Heute beginne ich mit einem Posting über die schrecklichen Republikaner und die christlichen Fundamentalisten - was beides natürlich dasselbe ist:
Nach der Wahl ist vor der Wahl
Das Wort "liberal" hat in den USA zunehmend den Status eines Schimpfworts. In verschiedenen republikanischen Blogs taucht heute noch eine neue Variante auf: "secular liberals", "weltliche Liberale", so zum Beispiel bei AndrewSullivan.com, einem der meistgelesenen republikanischen Blogs.
Sullivan kommentiert die Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh durch einen Islamisten in Amsterdam: "This is a useful reminder of the danger that has not gone away. Will Europe's secular liberals condemn it?"
Kann man die Ahnungslosigkeit eines deutschen Journalisten, der "unter anderem für ZDFonline und DIE WELT" schreibt und zu dessen "besonderen Interessen [.] die deutsch-amerikanischen Beziehungen und Deutschlands internationales Image als Innovations- und Kulturstandort" gehören, besser illustrieren?
Andrew Sullivan wird hier dargestellt als Autor eines der "meistgelesenen republikanischen" Blogs und verkappter religiöser Fanatiker. Jeder, der hin und wieder mal bei Sullivan reinschaut, weiß, daß er bei der Wahl John Kerry unterstützt hat - auch wenn er entschieden hinter dem "War on Terror" steht, den Irak-Krieg befürwortet hat und in mancherlei Hinsicht konservative Positionen vertritt. Aber "republikanischer Blog" - für einen Kerry-Unterstützer? Jeder Sullivan-Leser weiß auch, daß der für eine strikte Trennung von Religion und Staat ist. Er weiß, daß Sullivan homosexuell und ein entschiedener Befürworter der "Homo-Ehe" ist, und Bush hier regelmäßig schärfstens kritisiert hat. Er weiß schließlich auch noch, daß Sullivan ursprünglich Brite ist, und allein schon deshalb nicht in das Klischee des ultra-rechten, fundamentalistischen, gottesstaatsbefürwortenden bösen Republikaners passen würde.
Leider bin ich erst heute auf dieses Posting aufmerksam geworden, so daß es unkorrigiert blieb - wie so vieles, was berichtet wird. Und wie unkritisch, ja fast schon gierig, der deutsche Medienkonsument diese völlig falschen Informationen dann aufnimmt, zeigt wunderbar der einzige Kommentar zu diesem Posting:
Das blinde Selbstverstndnis und die Ignoranz einiger republikanisch ausgerichteter Amerikaner ist unverständlich. Den Glauben als DEN Motor politischer Aktivitäten zu missbrauchen ist sehr gefährlich. Das hat die Vergangenheit mehrfach gezeigt. Die aktuelle Entwicklung sollte nachdenklich stimmen.
Was sollte wohl mehr nachdenklich stimmen? Vielleicht nicht doch, daß deutsche Journalisten offenbar nicht einmal in der Lage sind, zu lesen, was die Leute, die sie zitieren, tatsächlich schreiben? Oder daß das "aufgeklärte" deutsche Publikum das alles unhinterfragt glaubt und nachkaut, statt etwa in diesem Fall mal zu Sullivan rüberzuklicken und nach dem Lesen von maximal drei Postings festzustellen, daß dessen Charakterisierung völlig falsch war?