« März 2005 | Start | Mai 2005 »

29/04/2005

Fall Sgrena: Sechs Einschusslöcher im Auto

(Von Paul13)

SPIEGEL online

Italienische Ermittler haben das Fahrzeug untersucht, das bei der Freilassung der Journalistin Giuliana Sgrena im Irak unter Beschuss kam. Die Polizei stellte dabei mindestens sechs Einschusslöcher fest.

Wer in der Einleitung dieses SPIEGEL online-Artikels jetzt die Worte vermißt "Liebe Leser! Wir bitten demütigst um Entschuldigung, daß wir uns so naiv an Frau Sgrenas antiamerikanische Hetzpropaganda gehängt haben, ohne die nötige journalistische Sorgfaltspflicht walten zu lassen, die eines so bekannten Nachrichtenmagazins würdig gewesen wäre. Es wird nicht wieder vorkommen, daß wir den Streitkräften der Vereinigten Staaten von Amerika unterstellen, eine menschenverachtende Mörderbande zu sein. Versprochen!", hat ihn offensichtlich falsch verstanden. Denn hier handelt es sich nicht um die Widerlegung von Frau Sgrenas Anschuldigungen, sondern um den endgültigen Beweis, daß sie recht hatte!

Das Fahrzeug: 300-400 Schüsse?

Nicht nur, daß die Amerikaner so hinterhältig waren, die von ihnen entdeckten 8 Einschußlöcher nicht deutlich sichtbar zu markieren, so daß die italienischen Ermittler keine reelle Chance hatten, mehr als 6 davon zu finden. Dieser plumpe Vertuschungsversuch alleine zeigt schon mehr als deutlich, zu welch infamen Tricks die USA greifen, um ihre Schandtaten vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Vor allem aber fällt auf, daß ganz gleich ob man nun von 6 oder 8 Einschußlöchern ausgeht, sich diese Zahl exakt mit jenen 300 bis 400 Schuß deckt, von denen Frau Sgrena bei dem Anschlag auf sie sprach. Was für ein dummer Zufall, daß so in jedem Fall exakt 50 Kugeln pro Einschußloch verschossen wurden.

Das Bonnie und Clyde Auto: Nur 167 Einschusslöcher.

Wer mal einen Western gesehen hat, weiß, daß in früheren Zeiten die Cowboys problemlos fliegende Dollarmünzen beim zweitenmal so genau treffen konnten, daß die Kugel exakt durch das vom ersten Schuß gerissene Loch flog. Nur die Nachfahren jener schießwütigen Westmänner aber können in der Lage sein, bei einem beweglichen Ziel wie Frau Sgrenas Auto jeweils 50 Kugeln hintereinander durch je ein Einschußloch zu jagen und das ganze dann noch 5 bis 7-mal an anderer Stelle zu wiederholen. Und da glauben die Befürworter der US-amerikanischen Besatzungspolitik im Irak tatsächlich, derartige Scharfschützen würden den italienischen Geheimdienstler Calipari "aus versehen" treffen? Diese naiven kleinen Dummerchen...

27/04/2005

Wie Reuters eine Frau von Behörden steinigen liess

(Von Greg B. Grabinski)

Irgendetwas stimmt hier nicht. Soviel ist klar. Zumindest ist beruhigend das Spiegel Online sich für die Nachricht entschied, die den US-Einsatz in Aghanistan als nutzlos aussehen lässt.

Erstmals seit dem Sturz der radikal-islamischen Taliban ist in Afghanistan wieder eine Frau wegen Ehebruchs zu Tode gesteinigt worden. Die 29-Jährige sei auf der Grundlage einer Gerichtsentscheidung öffentlich gesteinigt worden, teilte die Polizei mit.

Das zumindest meint Reuters:

Amina, a 29 year-old married woman, was publicly stoned to death on the basis of a district court’s decision on Thursday in Argo district to the west of Faizabad, the provincial capital of Badakhshan, they [Die Polizei, Reuters zufolge] said.

“She has been stoned to death,” provincial police chief, General Shah Jahan Noori, confirmed to Reuters, adding a team has been sent to the area to investigate the incident further.

AP sagte derselbe General Shah Jahan Noori etwas ganz anderes:

“With the fundamentalists and the hardline mullahs who are in that area, these things are not impossible,” Shah Jahan Noori, the provincial police chief, told The Associated Press. “But I know that in this case she was not stoned.”

Deputy Gov. Haji Shamsul Rahman said the woman went to the house of a man called Mohammed Karim last Wednesday evening. He said Karim’s father had spied the couple, locked them in the house and called people from the village to witness their supposed crime.

Mohammed Aslam was then summoned.

“According to our report, when Amina’s father took his daughter back home, the father killed his daughter out of shame,” Rahman said.

Neither he nor the police chief knew exactly how she was killed.

Das klingt schon wesentlich vernünftiger und realistischer.

The officials said authorities were on their way to the village to detain Mohammed Aslam, Mohammed Karim, Karim’s father and the woman’s husband, who had recently returned from Iran.

“People seem to assume because it happened once, it must have happened again,” Noori said. “But we have a new government now in Afghanistan, and the judges, not the people, should decide who was at fault.”

Und dies klingt noch vernünftiger.

Die Afghanistan Independent Human Rights Commission (AIHRC) bestätigt die Version, welcher zufolge die Familie die Frau getötet hätte:

The Afghanistan Independent Human Rights Commission (AIHRC), which has also sent a team of investigators to the area, argued the woman was not stoned but had been killed by the family of her husband.

“The reports we have is the woman was killed by her husband’s family for having improper affairs with another person. The man who had relations with her was lashed in public,” Nader Nadery, the commission’s spokesman, told AFP.

Der Provinzgouverneur machte auch deutlich, dass wenn diese Entscheidung von einer »Behörde« gefällt wurde, dann von einem Mullah und dass dies inakzeptabel wäre.

Provincial deputy governor, Haji Shamsul-Rehman, said that even if it was established the woman had been having an affair with another man, she should have been stood on trial in a court and not condemned to death by a local mullah.

Die BBC, welche die Story noch bevor AP und Reuters hatte, berichtet, dass die Entscheidung nicht von lokalen Offiziellen gefällt wurde, sondern von Mullahs:

The Afghanistan Independent Human Rights Commission said the woman had been sentenced to death by a decree from the local religious scholar.

Halten wir also fest: Eine Frau wurde auf alle Fälle getötet. Ein Ehrenmord. Etwas, das auch in Berlin passiert und gerne auf »verschiedene Kulturen« geschoben wird. Höchstwahrscheinlich von ihrer Familie, vielleicht auf »Empfehlung« von einem Mullah.

Der entscheidende Punkt ist aber, dass auf alle Fälle eine Untersuchung eingeleitet wurde und die Offiziellen solche Steinigungen nicht akzeptieren wollen. Man kann vom Spiegel Online nun wirklich nicht erwarten, dass er auf diese positive Entwicklung in einem Land, wo noch vor 5 Jahren nach Lust und Laune gesteinigt wurde, hinweist. Oder das Spiegel Online erwähnen würde, dass die Reuters-Story nicht die absolute Wahrheit ist, sondern dass es eine genau entgegengesetzte Version gibt, welche von einer unabhängigen Menschenrechtskomission bestätigt wurde. Auch hätte Spiegel Online erwähnen können, dass die Frau nicht einfach so böswillig ihren armen Mann betrog, sondern dass er fünf Jahre lang weg war und sie von ihm weg wollte, weil er sie nicht unterstützen und ernähren konnte. Und dass Spiegel Online darauf hinweisen würde, dass höchstwahrscheinlich ein Mullah die Entscheidung fällte ist dann wohl auch zu viel verlangt.

Natürlich, man kann nicht ausschliessen, dass Reuters und somit auch Spiegel Online richtig liegen, aber wir haben mehrere Quellen, die das Gegenteil von ihrer Story behaupten…

26/04/2005

Alter Wein in neuen Schläuchen

(Von Wuldorblogger)

Nach einer längeren Pause, in der er sich (erfreulicherweise) vor allem mit der Wall Street befaßt hat, wagt sich "Bush-Messer"-Veteran Marc Pitzke wieder einmal auf das politische Parkett, auf dem er sich im Wahljahr noch fast wöchentlich auf feinste Weise auf die Nase gelegt hat. Diesmal kommt er mit weniger plumpen Polemiken und Meinungsäußerungen daher, dafür aber mit einer neuen Taktik: der der halben Wahrheit. Und mit ihrer Hilfe kommt er zu dem Schluß: "Die Heimatfront bröckelt" - Präsident Bushs Freiheits-Doktrin verliert in den USA an Rückhalt.

Pitzkes Vorgehen ist geschickt, denn er führt eine Menge Belege für seine Behauptung an, die scheinbar überzeugen. Nur wer genauer hinschaut, wird schnell stutzig. Machen wir also einmal genau das: Schauen wir genauer hin.

Pitzke beginnt mit der ausführlichen Wiedergabe von Äußerungen des Soldaten und Bloggers Nick Cademartori. Das ist natürlich nicht wirklich repräsentativ. (Er hätte z. B. auch zahlreiche Blogs zitieren können, wo weitaus positivere Berichte über den Irak und die Arbeit der US-Soldaten dort zu lesen waren - aber die werden in der Regel bestenfalls in den Verdacht der "Propaganda" gerückt.) Das gesteht Pitzke auch ein:

Zwar spricht ein einzelner Soldat wie Cademartori natürlich nicht für die Nation, auch nicht für die Armee. Doch Umfragen, interne Studien, Analysen und eine Welle kritischer Fachbücher zeigen: Der Rückhalt für Bushs Kriege im Namen der Freiheit war schon mal größer.

Die völlig subjektive Sicht eines Soldaten von knapp 140.000 dient als ein Einstieg, der die folgende Darstellung von "Umfragen, interne(n) Studien, Analysen und eine(r) Welle kritischer Fachbücher" glaubwürdiger machen soll. Und das ist, wie sich zeigen wird, auch durchaus nötig.

Was also führt Pitzke als "Belege" für seine These an? (Das obligatorische "New York Times"-Zitat lassen wir mal außen vor.) Einige Hinweise auf Finanzierungs- und Rekrutierungsprobleme sind zwar überdramatisiert, aber im Kern sicher nicht völlig falsch. In anderen Bereichen aber drückt Pitzke mit aller Gewalt auf seine Puzzle-Teile ein, damit sie irgendwie die passenden Lücken füllen. Zum Beispiel beim Thema öffentliche Meinung:

"Und so kippt auch die Stimmung daheim. Bushs Popularitätsquote liegt mit 45 Prozent so niedrig wie nie zuvor in seiner Präsidentschaft."

Ein geschickter Zug, auf diese Werte hinzuweisen. Das Problem: Mit dem Irak haben sie wohl herzlich wenig zu tun. Nachdem Bush nach der Wiederwahl ein leichtes Plus in der Popularität zu verbuchen hatte, fielen seine Werte zeitgleich mit zwei Ereignissen: dem Beginn seines Engaments für eine (relativ unpopuläre) "Social Security"-Reform und dem Terri-Schiavo-Fall. "Spiegel Online" und Kollegen haben seinerzeit unzählige Male durchaus nicht ohne Schadenfreude darauf hingewiesen, daß Bush wegen genau dieser Fragen an Beliebtheit verloren habe. Währenddessen ist im Irak nichts passiert, was ein Sinken der Zustimmung begründen könnte - im Gegenteil: die Opferzahlen sind deutlich niedriger als im letzten Jahr und politische Fortschritte sind erkennbar. All das das aber hindert Pitzke nicht an seiner ganz persönlichen Exegese: Der Irak ist der Grund! Denn:

53 Prozent der Amerikaner finden inzwischen, dass der Irak-Einmarsch die Opfer "nicht wert" war, 70 Prozent halten die Zahl von bisher über 1500 gefallenen US-Soldaten für "nicht akzeptabel".

Das Problem: Diese Werte sind nicht "inzwischen" so, sondern schon seit einer ganzen Zeit relativ stabil. Laut CNN / Gallup / USA Today, die Pitzke zu zitieren scheint (es wäre schön, wenn er zumindest die Quelle seiner Angaben nennen würde...) waren im Mai 2004 54 % der Meinung, daß der Irak-Krieg die Opfer nicht wert war, im Oktober 2004 ebenfalls 54 und im Januar 2005 52 %. "Nicht akzeptabel" fanden laut ABC / Washington Post (die Pitzke zu zitieren scheint) die US-Opfer im Juni 2004 71 %, im Dezember 2004 70 % und nun 70 %. Was Pitzke also an diesen Werten als so spektakuläre Veränderung sieht, daß er aus ihnen liest, daß die "Heimatfront bröckelt", bleibt ein Rätsel. Sie bröckelt nicht mehr und nicht weniger als vor einem Jahr auch. Und da hat es immerhin noch für Bushs deutliche Wiederwahl gereicht. (Für die Umfragewerte vgl. http://www.pollingreport.com/iraq.htm)

Zum geplanten "Quadrennial Defense Review", der Überprüfung von Struktur und Ausrichtung des Militärs heißt es:

"Vorgesehen sei eine komplette Reform der Streitkräfte: schlanker, flexibler, moderner, billiger - doch trotzdem in der Lage, jederzeit an jedem Ort eingreifen zu können. Aber selbst konservative Think Tanks ziehen diesen Allround-Anspruch nun in Zweifel."

Beispiel dafür?

"Die Strategie der Zukunft müsse "die Lehren aus den jüngsten Operationen" in Betracht ziehen, warnt die den Republikanern nahe Heritage Foundation.

Und was ist damit wohl gemeint? "Lehren aus den jüngsten Operationen" heißt ja wohl: Stärkung der Fähigkeiten in den Bereichen asymmetrische Kriegführung, Terrorbekämpfung, Stabilisierung, Wiederaufbau. All das, was man für Bushs Freiheitsdoktrin auch brauchen würde. Also kaum ein Beleg für die wachsende Ablehnung ebendieser Doktrin. Und kaum eine Infragestellung des "Allround-Anspruchs". Gerade diese Fähigkeiten fehlen ja zum "Allround-Anspruch" - denn an der konventionellen Kampfstärke der US-Armee kann wohl nach Afghanistan und Irak kaum mehr ein Zweifel bestehen.

Aber Pitzke hat ja noch einen weiteren konservativen Kronzeugen:

Man müsse sich wieder auf spezifische Gegner wie al-Qaida konzentrieren und nicht auf alle möglichen "Schurkenstaaten", fordert Charles Peña vom Cato Institute: "Die USA müssen aufhören, sich in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen - es sei denn, sie gefährden direkt die territoriale Integrität, nationale Souveränität oder Freiheit der USA."

Und wer ist dieser gute Mann? Schauen wir uns einfach die Titel einiger seiner Publikationen an. "Iraq - the wrong war" (Dezember 2003). "Iraq: A Quick Exodus Is in America's Best Interests" (Juni 2003). "Leave Iraq as Soon as Possible" (Juni 2003). Und vieles mehr in die Richtung. Man gewinnt irgendwie den Eindruck, daß Herr Peña dem Irak-Krieg nie sehr positiv gegenüberstand - und das seine jetzige Haltung dieselbe ist wie in den Jahren davor. Wieso also ist das für Pitzke ein Beleg für plötzlich wachsende Kritik an Bushs Kurs?

Aber weiter geht es mit den "Experten" und "Fachbüchern". Da wäre zum Beispiel ein philippinischer Soziologieprofessor - welchen besseren Beleg gäbe es schließlich für eine wachsenden Skepsis der Amerikaner!

"Der Irak", orakelt der philippinische Soziologieprofessor Walden Bello in seinem neuen Buch "Dilemmas of Domination", "ist zur Achillesferse des amerikanischen Imperiums geworden."

Und dann dies:

Schon debattieren Kritiker die These, ob sich Bush nicht ähnlich verhoben habe wie einst das britische Empire oder gar die alten Römer - beides Weltmächte, die untergingen, weil sie sich überschätzten.

Abgesehen davon, daß man wohl über diese Analyse des Niedergangs des britischen Empires streiten kann - die Debatte über den angeblichen bevorstehenden Verfall des amerikanischen "Empires" ist so alt wie die Weltmachtrolle der USA. (Erinnert sich noch jemand an Paul Kennedy, der in den 1980ern den USA "imperiale Überdehnung" attestierte? Nach dem Irak-Krieg jubelte er plötzlich, die USA seien dominanter als jede Weltmacht zuvor...) Und diese Debatte gab es bezüglich Bushs auch schon lange vor dem Irak-Krieg - ein ganz alter Hut. Außer für Herrn Pitzke.

So warnt Joseph Nye, der Dekan der Kennedy School of Government der Harvard University und anfangs ein Freund des Irak-Kriegs, davor, "imperiale Strategien" zur Grundlage der US-Außenpolitik zu machen: "Dieses Schachspiel wird man verlieren."

"Anfangs ein Freund des Irak-Kriegs" war Nye also. Notiz an Herrn Pitzke: Joseph Nye, das ist der mit der "soft power". Der immer gegen "unilaterale Politik" predigt. (Und übrigens den Demokraten nahe steht.) Dementsprechend war Nyes Haltung zum Krieg: mit breitem internationalen Rückhalt oder gar nicht. Logisch also, daß er heute weiterhin genauso denkt. Noch logischer, daß ein Mann, dessen Name sich vor allem mit dem Buchtitel "The Paradox of American Power - Why the World's Only Superpower Can't Go It Alone" verbindet, sich dafür ausspricht, daß die USA keine "imperialen Strategien" verfolgen sollten. Nichts anderes erzählt der Mann schließlich seit Jahren.

So bleibt am Ende wie so oft ein Artikel mit wenig neuen Einsichten, vielen Einseitigkeiten und Fehldeutungen. Als Kronzeugen für die angeblich plötzlich rapide sinkende Unterstützung für den Irak-Krieg und Bushs Politik dienen Umfragewerte, die seit längerer Zeit relativ stabil sind, "Experten"aussagen, die seit Jahren dieselben sind (in etwa so überraschend wie die Kapitalismus-Äußerungen Geißlers und Blüms oder die Papst-Kritik von Drewermann und Küng) und unrepräsentative Einzelstories wie der Soldat / Blogger oder Resolutionen einiger Bürgerversammlungen in der demokratischen Hochburg Vermont. So wird eine Anhäufung von Nicht-Nachrichten zu einem bedeutenden Stimmungsumschwung zurechtgeschneidert - obwohl fast nichts von dem Beschriebenen auch nur annähernd den Charakter einer Neuigkeit hat.

Vielleicht muß Pitzke das Ganze aber auch schlicht deshalb als plötzliche, aktuelle Entwicklung darstellen, weil "Spiegel Online"-Leser immer noch glauben, in den USA seien vor dem Irak-Krieg kritische Stimmen "zensiert" und "unterdrückt" worden. Vielleicht ist es Teil des SPON-Narrativs, nun so zu tun, als würden die Kritiker plötzlich wieder laut - so, wie es das ZDF in seiner atemberaubend wirklichkeitsfremden Dokumentation "Der Wachhund erwacht" im letzten Jahr getan hat. Würde man nämlich feststellen, daß all diese Kritiker seit Jahren dasselbe sagen, dann könnte der eine oder andere aufmerksame Leser ins Grübeln kommen - und womöglich die frühere Amerika-Berichterstattung in Frage stellen. Und dann vielleicht sogar die jetzige. Und er könnte auf die Idee kommen, sich selbst zu informieren. Und das will man ihm doch nun wirklich nicht zumuten...

24/04/2005

Inaugurationsfeiern: Bushs Partys kosteten 42 Millionen Dollar

(Von Paul13)

SPIEGEL online

Die Feiern zur Amtseinführung von US-Präsident George W. Bush haben insgesamt 42 Millionen Dollar gekostet. Das Geld kam von Firmen, Interessengruppen und reichen Privatpersonen.

Wer sich jetzt wundert, wie diese "Nachricht" es auf die Titelseite geschafft hat: Kein Grund zur Beunruhigung! Das hat nichts, aber auch gar nichts mit irgendwelchen Antipathien gegenüber Bush, Antiamerikanismus, dem Bemühen, eine langsam schwächelnde Kampagne am Leben zu erhalten, oder sonstigen fragwürdigen Motiven gewisser Redakteure zu tun. Das ist bloß knallhart recherchierter Top-Journalismus in Deutschlands führendem - weil einzigem - Nachrichtenmagazin.

Denn wer behauptet, die Meldung, daß die Inaugurationsfeiern 40 Millionen Dollar kosten würden, sei schon 3 Monate alt und somit nicht mehr ganz taufrisch, irrt gewaltig. Es handelt sich schließlich nicht um 40, sondern um 42 Millionen! Das ist ja wohl ein wesentlicher Unterschied, der durchaus rechtfertigt, einen bewährten Ressentiment-Kracher noch einmal zu zünden. Und wenn so ein Skandal (5% Differenz!) keine Nachricht wert ist, was dann? Na also! Gut daß wir drüber gesprochen haben...

21/04/2005

Verkauft nicht an Juden

(Von Greg B. Grabinski)

Irgendwie bin ich mir nicht sicher, warum die folgende Nachricht keinen Aufschrei produziert. Ich würde es gerne wissen. Hätten die Medien es denn tatsächlich geschafft in den Köpfen der Menschen das Bild von Israel als Wurzel allen Übels festzusetzen? Glaubt der berühmte Otto Normalbürger mittlerweile, dass Israel eine Angriffsmacht ist, welche die Palästinenser auslöschen würde, wenn sie nur die militärische Macht dazu hätte?

Es geht um 103 Dingo-Transportfahrzeuge, die nach Israel gehen sollen. Der Dingo ist ein minengeschütztes Fahrzeug auf der Basis des Unimog. Die Dingos für Israel soll nach Informationen der “Bild”-Zeitung das US-Unternehmen Textron in Lizenz des deutschen Rüstungsunternehmens Krauss-Maffei Wegmann bauen. Der Auftrag hat einen Wert von 90 Millionen Euro.

Wie das Blatt berichtete, stellt sich die rot-grüne Bundesregierung gegen eine Lieferung der gepanzerten Wagen.

Rot-Grün also. Das ist der Verein, dessen Führer - der sich gleichzeitig für Deutschlands König hält, aber seine Haare nicht färbt - Waffen an die rote Friedensmacht China verticken will. Na gut, ein Grüner (die Restlichen verweigerten dem Mann von Doris Schröder-Kopf »demonstrativ« den Applaus. Das wird es dem Gerd sicher geben, liebe Grüne!) stemmte sich dagegen, aber ansonten ist man lieber an der Macht, als dass man sich mit Prinzipien beschäftigen würde. Und vor kurzem schickten die grünen Pseudo-Moral-Apostel noch ihre Chefverschwörungstheoretikerin in die arabischen Diktaturen auf Waffenverkaufstour.

Aber wenn es dann darum geht, ein paar minensichere Transportfahrzeuge in die erste (mittlerweile, dank den USA, nicht mehr die einzige) Demokratie des Nahen Ostens zu schicken, ja dann schillern die Gutmenschglocken. Schliesslich will ja Israel den ganzen Nahen Osten jüdisieren, wenn nicht die gesamte Welt (wozu sie die Hilfe der NeoCons in Anspruch nehmen). Das muss natürlich verhindert werden! Nie wieder deutscher Krieg, nie wieder deutsche Waffen im Krieg. Es sei denn, sie werden von menschenverachtenden Diktaturen, dann ist es okay. Aus Solidaritätsgründen. Sonst verkauft den armen Hünden keiner Waffen.

Der CSU-Verteidigungsexperte Christian Schmidt sagte der Zeitung: “Der Dingo ist keine Angriffswaffe. Eine Zusage der Bundesregierung wäre anlässlich des 40. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel eine schöne Geste.”

Oder Rot-Grün könnte ehrlich sein und folgendes kurzes, aber deutliches Statement abgeben: »40 Jahre lang haben wir so getan, als wären wir bemüht, mit euch gute Beziehungen zu haben. Im Grunde seid es ja ihr Juden, die uns Deutschen einen Haufen Probleme bescheren. Wir haben versucht euch auszulöschen, aber ihr seid so ungemein widerstandskräftig und nun haben wir ein schlechtes Gewissen. Es ist ja schon geradezu frech von euch Juden, von uns Deutschen zu verlangen, dass wir euch jetzt mögen sollen. Das tun wir nämlich immer noch nicht: Ihr habt ja immer noch die gleichen Nasen und wollt die Welt beherrschen. Und jetzt wollt ihr noch militärisches Gerät? Dazu noch von uns? Come on!«

»Zudem dem würdet ihr es doch gegen die armen Palästinenser verwenden. Wenn ihr die alle umbringen würdet, dann stärbe unsere Arafat-Tuch-Industrie und ihr hättet ein schlechtes Gewissen. Obwohl, habt ihr überhaupt eines? Denn immer öfter müssen wir als Eueres dienen. Wisst ihr, wir geben - obwohl wir hoffnungslos verschuldet sind - der palästinensischen Regierung immense Summen und schaut euch ‘mal deren Kinder an: Die haben keine Spielzeuge und werfen deshalb Steine auf israelische Panzer. Jugendliche haben kein Geld für Clearasil und sprengen sich deshalb in Tel Aviver Cafés in die Luft um so endlich Sex (im Paradis, man kann also vor niemandem prahlen, aber immerhin) zu haben. Ja, jetzt sind wir uns sicher, ihr habt kein Gewissen. Dankt uns, dass wir es entgeltungslos für euch sind!«

»Wenn ihr uns nun fragt, wieso wir Waffen an China und euere arabischen Nachbarn verkaufen, dann verstehen wir euere Blindheit nicht: Das sind freie Staaten, die keine Gebiete unrechtsmässig besetzen und niemals erwägen würden, einem demokratischen Land den Krieg anzudrohen. Ausserdem haben wir aus dem Holocaust etwas gelernt: Besser nicht selber machen, Opfer können nachtragend sein!«

»Wenn ihr uns jetzt entschuldigt, wir müssen weg: Teheran könnte uns böse sein, wenn wir zu lange mit euch labern. Heil… ähh, Shalom!«

20/04/2005

SPD-Linke: Wo sich Kapitalismuskritik mit Anti-Amerikanismus paart

(Von Paul13)

SPIEGEL online

Das Reizwort "Wall Street" fällt nicht, doch "Washington Consensus" macht genauso deutlich, in welcher Weltregion der Grund der deutschen Misere zu suchen ist. Globalisierung sei Amerikanisierung, präzisiert Müller, und das könne man in Europa unmöglich wollen. "Es findet ein unerklärter Wirtschaftskrieg zwischen zwei Modellen statt", erklärt er. Es handele sich um einen Kampf "zwischen dem Alten Europa und der ökonomistischen Moderne".

Jetzt ist's also raus. Na endlich. War ja eine ganz schön schwere Geburt. Als Münte das Faß aufgemacht hat, konnte man sich noch einreden "Naja, ist nun mal Wahlkampf, was soll er schon machen, die Sozis haben's eh so schwer in diesen Tagen, Schwamm drüber, kann einem eher leid tun, der Franz".

Als ihm dann nach ein paar Tagen die ersten Genossen zur Seite sprangen, hat man auch drüber weggesehen, weil das sind halt Sozialdemokraten, die kommen gemeinhin weder mit dem goldenen Löffel im Mund noch mit wirtschaftlichem Sachverstand im Kopf zur Welt. Die meinen das nicht bös, die wissen's wirklich nicht besser.

Aber jetzt übertreiben sie allmählich.

Denn auch die Narrenfreiheit eines Sprechers der SPD-Linken hat ihre Grenzen. Bei allem Verständnis für die Weigerung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, aber wer sich im Kampf zwischen "Altem Europa" und "ökonomistischer Moderne" freiwillig und ohne Not auf die Seite der Reaktion schlägt, verrät die einstigen Ideale der Sozialdemokratie.

Diese stand nämlich allen sonstigen Irrungen und Wirrungen zum trotz lange Zeit tendenziell doch eher für den Fortschritt. Doch das scheint offenbar vorbei zu sein. Nach traditionsreichen Vorwürfen wie "Amerikanisierung" fehlen eigentlich nur noch Begriffe wie "Autarkie", und die SPD wird mehr Zuspruch erhalten als ihr lieb sein kann.

Die SPD sollte eins nicht vergessen: Wer nach den Bereichen Verteidigung und Außenpolitik jetzt auch noch in die Diskussion über den Wirtschaftsstandort Deutschland antiamerikanische Ressentiments einführt, darf sich hinterher nicht beschweren, wenn die gerufenen Geister nicht wieder in die Flasche zurück wollen.

Der einzige, der davon profitiert, hat heute Geburtstag.

17/04/2005

Die nützlichen Toten

Tausende Palästinenser protestierten gegen die Pläne der israelischen Ultranationalisten, in dem auch den Muslimen heiligen Altstadtbezirk aufzumarschieren. Bereits zuvor hatten die Spannungen im Nahen Osten wieder zugenommen, weil israelische Soldaten drei palästinensische Jugendliche getötet hatten. Militante Palästinenser beschossen daraufhin jüdische Siedlungen mit Granaten.

So ist das also: Die Juden ballern drei Jugendliche um, nur um den Palästinensern die Möglichkeit zu geben, zurück zu schiessen, was die Waffenruhe brechen würde: Spirale der Gewalt!

Nein, einen Moment: So ist das eben nicht! Später im Artikel, also nachdem die Idee des bösen Juden, der unschuldige Palästinenser erschiesst in den Köpfen der Leser festgestzt wurde, kann man doch eine gewisse Relativierung lesen. Sind die Israelis doch nicht geil auf Palästinenserblut?

Der Tod dreier Jugendlicher im südlichen Gazastreifen gefährdete die seit zwei Monaten weitgehend eingehaltene Waffenruhe zwischen Israelis und Palästinensern. Nach Angaben eines palästinensischen Augenzeugen gerieten die 14 und 15 Jahre alten Jungen beim Fußballspielen auf freies Feld in die Nähe eines Grenzzauns. Die israelischen Streitkräfte wiesen diese Darstellung zurück und erklärten, die Jugendlichen seien vermutlich Schmuggler gewesen. Sie seien auf dem Bauch in eine Sperrzone gerobbt, dann aufgestanden und auf die Grenze zugelaufen. Nach 250 Metern seien sie von einer Militärpatrouille erschossen worden.

Es wäre auch ganz nett, obwohl doch zu viel verlangt, dass uns der Spiegel Online ein paar präzisere Informationen geben würde. So wie die Washington Post es tat: Dem israelischen Militär zufolge ereignete sich der Zwischenfall in einer Zone, zu welcher Zivilisten der Zugang »streng verboten« ist und in welche man sich nur begibt um Anschläge auszuführen. Und ich bin alles andere als ein begnadeter oder erfahrener Fussballer, aber um von einem Fussballfeld in eine Sperrzone zu kommen, ist meiner Meinung nach eine respektable Leistung. Ausserdem sind die Schmuggler, nicht diejenigen die wir in der Schweiz kennen, also solche die in Deutschland gekauftes Fleisch unter dem Sitz verstecken, sondern Waffenschmuggler, doch ein anderes Kaliber.

Nun, natürlich, das israelische Militär ist kein Verein von Grossmüttern auf Kaffeefahrt, aber auf fussballspielende Jungs ist die IDF ganz sicher nicht aus. Was zu denken gibt ist, dass das meinungsmachende Organ Deutschlands die palästinesische Version (»weil israelische Soldaten drei palästinensische Jugendliche getötet hatten«) übernimmt und somit den Leuten Glauben schenkt, die schon einmal ein Jenin insziniert haben. Und wie wir wissen sind die Leser des Spiegels bei weitem härter drauf, als das Magazin selbst…

Karin Quade zufolge übernahmen ZDFs heute als auch die Tagesthemen die palästinensische Version. Das ZDF wies zwar wenigstens noch darauf hin, dass eine Untersuchung laufen würde, aber die israelische Version war zur Zeit der Ausstrahlung verfügbar, wurde aber nicht präsentiert. Die ARD sprach ohne jegliche Nuancen vom israelischen Militär, das 3 palästinensische Jugendliche erschossen hat.

Staatsgesponserte Propaganda. Das hatten wir schon 'mal. Wetten, dass es danach wieder keiner gewesen sein will?

(Artikel von Greg Grabinski)

Unsere Kommentar-Regeln

Das Wachstum der Besucherzahl unseres Blogs und damit auch die Zunahme der Kommentare zu unseren Postings macht eine präzisere Definition unserer Kommentar-Regeln notwendig.

Zunächst: Was ist und was will unser Blog?

Medienkritik Online ist eine Sammlung kritischer Stellungnahmen der Betreiber und Autoren dieses Blogs zu Inhalten deutscher Medien. Gelegentlich veröffentlichen wir politische Stellungnahmen auch ohne Bezug zu bestimmten Medien, wenn die Thematik  in der öffentlichen Diskussion gerade eine wichtige Rolle spielt.

Wir begrüßen Kommentare als Ergänzung, aber der Hauptzweck unseres Blogs ist die Veröffentlichung unserer Postings. Medienkritik Online ist nicht in erster Linie als Diskussions-Forum oder als Chat-Room gedacht.

Es ist charakteristisch für unseren Blog, daß Kommentare unmittelbar nach der Eingabe direkt unter den Postings auftauchen. Andere Blogs mit nennenswerten Besucherzahlen haben vielfach überhaupt keine Kommentar-Funktion oder veröffentlichen Kommentare nur im Rahmen eines registrierungspflichtigen Zugangs. Traditionelle Medien bieten zwar in ihrer Online-Version häufig Kommentar-Möglichkeiten an, aber eher getrennt von den Artikeln, in allgemeinen Diskussionsforen. Die automatische enge Verknüpfung von Posting und Kommentaren in unserem Blog macht ein besonderes Kommentar-Management notwendig.

Welche Kommentare lehnen wir bei Medienkritik Online ab?

1. Kommentare, zu einer in einem Posting vertretenen Meinung eine Gegenmeinung vertreten, ohne Präsentation von Fakten oder Beweisen, die unsere Positionen widerlegen.

2. Kommentare, die unrichtige Tatsachenbehauptungen enthalten.

3. Sehr lange, häufige oder überflüssige Kommentare die beispielsweise nichts mit dem Posting zu tun haben.

4. Kommentare, die unerwünschte Werbung oder Links beinhalten.

5. Kommentare, die unter falschen Namen abgegeben werden bzw. mit der Absicht andere Leser zu täuschen oder deren Namen beleidigend nachzuahmen oder immitieren.

In allen diesen Fällen nicht willkommener Kommentare bitten wir, uns Ihre Ansicht per E-Mail mitzuteilen. Wir möchten selbst entscheiden, ob Ihre Beiträge tatsächlich eine Richtigstellung unserer Postings erfordern. Es ist für uns sonst nämlich außerordentlich arbeitsaufwendig, bereits veröffentlichte Kommentare richtig stellen oder unsere Argumentationslinie erläutern zu müssen. In der Regel kommt es dann zu erneuten Gegendarstellungen, die uns wiederum zu Äußerungen veranlassen müßten. Solche mäandernden Diskussionsverläufe sind nicht Sinn und Zweck dieses Blogs.

Wir bitten insbesondere einige links-orientierte deutsche Besucher unseres Blogs, die regelmäßig Gegenpositionen zu allen unseren Postings veröffentlichen (einzelne dieser uns gegenüber kritisch eingestellten Besucher veröffentlichen in unserem Blog mühelos 15 bis 20 Kommentare pro Tag), um Verständnis, wenn wir ihre Kommentare löschen. Wir wollen und werden in unserem Blog kein permanentes "Co-Blogging" einzelner erlauben. Wir empfehlen in solchen Fällen stattdessen die Gründung eines eigenen Blogs.

Wir werden in absehbarer Zeit ohnehin eine Registrierungspflicht für Kommentare einführen müssen - aber bis es soweit ist, bitten wir unsere Kommentar-Politik zu beherzigen.

16/04/2005

Es war einmal...

(Von Paul13)

Die Zeit

Bin heute durch Zufall über ein uraltes Interview gestolpert, welches die ZEIT kurz vor Beginn des Irakkriegs mit unserem werten Außenminister geführt hat. Seltsamerweise hält das Auswärtige Amt dieses Prachtstück auf seiner Website immer noch vorrätig. Großer Fehler! Denn was Fischer da sagt, gehört nicht unbedingt in die Kategorie "Dinge, an die wir später gerne erinnert werden wollen". Naja, immerhin kann man ihnen nicht vorwerfen, daß sie etwas vertuschen. Jedenfalls sind Fischers Ansichten gerade im Rückblick entlarvend. Hier die schönste Antwort:

ZEIT: Können Sie sich vorstellen, dass 150.000 amerikanische Soldaten am Golf aufmarschieren und dann wieder abmarschieren, Saddam Hussein aber ist immer noch an der Macht?

Fischer: Von regime change lese ich in keiner Sicherheitsratsresolution. Das Thema wurde auch in Brüssel diskutiert, und die britische Seite hat noch einmal klar gemacht, dass sie sich nicht dem Prinzip des regime change, also einer mit Krieg herbeigeführten Entfernung von Saddam von der Macht verpflichtet fühlt.

Womit all jene ziemlich blöd aus der Wäsche gucken, die sich bis heute so gerne an irgendwelchen angeblichen Kriegslügen hochziehen und so tun, als ob die Alt-Europäer auch ohne die Themen Massenvernichtungswaffen oder Terrorismus mit der bloßen Begründung "Regime Change" zur Unterstützung der Befreiung des Irak zu bewegen gewesen wären.

D.h. in dem Moment, in dem die USA bereit waren, auf unilaterales Handeln zu verzichten, und vor die UNO zu gehen, hätten sie sogar dann mit Alternativen kommen müssen, wenn diese tatsächlich eine Lüge gewesen wären, und zwar schlicht und einfach deshalb, weil die "Achse des Friedens" den Sturz Saddams als solchen verhindern wollten, ganz unabhängig von irgendwelchen Begründungen. Also bitte nicht mehr weinen von wegen "Menno! Bush hat aber gelogen!"

Damit Sie mich nicht missverstehen: Wenn der brutale Diktator Saddam morgen von seinem Volk gestürzt würde, wenn er verschwände oder ins Exil ginge, die ganze Welt, an erster Stelle die Iraker, wären heilfroh. Die Frage ist nur: Rechtfertigt dieses einen Krieg mit all den Risiken, den humanitären Folgen, einer regionalen Destabilisierung und Terror? Das müssen Sie immer abwägen. Und da kommen wir zu einem klaren Nein.

Schon traurig, wenn man überlegt, daß Joschka Fischer der beste Außenminister ist, den wir uns momentan bauen können. Denn zu glauben, daß der Sturz eines Diktators der Saddam-Klasse durch die Bevölkerung weniger blutig sein könnte als die schnelle Amtsenthebung durch die stärkste Militärmacht der Welt, zeugt von einer Unprofessionalität, die auch unter Berücksichtigung der zu seiner Zeit üblichen romantischen Verklärung jedes noch so blutigen Volksaufstands oder Bürgerkriegs nicht zu entschuldigen ist.

Seine Überlegung, daß ein Saddam Hussein, nachdem er für die Sicherung seiner Macht hunderttausende Iraker über die Klinge hat springen lassen, einfach plötzlich verschwinden oder ins Exil gehen könnte, sagt ein übriges über die Vorstellung, die Joschka Fischer von der Welt da draußen hat. Es gibt dort eben nicht nur instabile Operettendiktatoren, die sich von unterbezahlten und schlecht ausgerüsteten Soldatendarstellern verteidigen lassen, sondern richtig harte Jungs, die über Widerstand auf "Waffen für El Salvador"-Niveau nur müde lächeln können.

Daß nach Abwägung der Risiken, der humanitären Folgen, der regionalen Destabilisierung und des Terrors das klare "Nein" ein Fehler war, kann man Fischer im Rückblick natürlich nicht vorwerfen, denn hinterher ist man immer klüger. Daß es aber gleichzeitig andere Leute gegeben hat, die damals zu einem klaren "Ja" gekommen sind und die im nachhinein recht behalten haben, schon. Das schlimmste aber ist, daß Fischer aus diesen Fehleinschätzungen nichts gelernt hat und auch beim nächsten Mal wieder "not convinced" sein wird.

15/04/2005

Schleimig

(Von Wuldorblogger)

"Spiegel Online" ist aber auch zu berechenbar. Während wichtige Dinge - wie etwa die Nachricht, daß die US-Armee vermutlich Anfang 2006 bis zu 35.000 Soldaten aus dem Irak abziehen können wird, da man entscheidende Fortschritte gegen die "Aufständischen" mache - in drei Absätzen abgehandelt werden und nie den Weg auf die Hauptseite finden, kann man sich sicher sein, daß jede noch so belanglose Geschichte, in der Bush oder seine Mitarbeiter in ein (vermeintlich) negatives Licht geraten, prominente Behandlung erfährt: wie Dick Cheneys Parka bei der Auschwitz-Gedenkfeier, der es seinerzeit auf die Hauptseite schaffte. Oder wie Bushs iPod-Playlist, die mit kleiner "Hilfe" eines "New York Times"-Artikels ausführlichst psychoanalysiert wurde.

Nun also Käfer. Die Nachricht: Zwei US-Wissenschaftler haben je eine Art eines schleimpilz-essenden Käfers nach Bush, Cheney und Rumsfeld benannt. "Fragwürdige Ehre" titelt "Spiegel Online" dazu. Das mag schon sein. Aber was Markus Becker von SPON aus der Story macht, ist nicht weniger fragwürdig.

Selten hat sich eine US-Regierung in der Wissenschaft so viele Feinde gemacht wie die von Präsident George W. Bush. Einige Forscher haben sich nun auf ihre Weise gerächt: Sie benannten Schleimpilze fressende Käfer nach Bush, Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld.

Das ist die Kernthese des SPON-Artikels: Das alte Standardmotiv "Bush vs. die Wissenschaftler", und die Käferbenennung als "Rache" dagegen. Das Ganze noch einmal etwas anders gewendet:

Irgendwann müssen Miller und sein Kollege Quentin Wheeler entdeckt haben, dass die harmlosen Krabbeltiere auch in eine Art Biowaffe verwandelt werden können - um die ungeliebte US-Regierung satirisch zu bekämpfen.

Und später:

Die Frechheit der Forscher dürfte eine kleine Rache für zahlreiche offene und verborgene Gängeleien der Regierung Bush sein.

Sie dürfte es sein, schreibt Becker da. Nur, daß er im Rest des Artikel so tut, als sei sie es. Das zweite und größere Problem ist es allerdings, daß es für diese Lesart keinerlei Indizien gibt.

Soweit man es dem Artikel entnehmen kann, beruht er auf einer einzigen Quelle - der zugehörigen Pressemitteilung der Cornell University. Und in die müßte man schon eine ganze Menge hineindeuten, um das herauszubekommen, was Becker aus ihr macht.

Zum Beispiel:

Bei der Cornell University freut man sich offenbar diebisch über die kleine Rache von Wheeler und Kelly. "Präsident Bush, Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld werden vielleicht keine nach ihnen benannte Bibliotheken, Flughäfen oder Highways bekommen", ätzte die Hochschule in einer Mitteilung. "Aber jeder kriegt einen Schwammkugelkäfer, benannt zu seinen Ehren."

Im Original lautet die Passage (mit der die Pressemitteilung beginnt):

U.S. President George Bush, Vice President Dick Cheney and Secretary of Defense Donald Rumsfeld may not all get a library, airport or highway named after them. But each has a slime-mold beetle named in his honor.

Von "diebischer Freude" ist da wenig zu sehen. Ganz nebenbei übersetzt Becker unaufrichtig, in dem er schreibt, Bush, Cheney und Rumsfeld würden "vielleicht keine" nach ihnen benannten Bibliotheken, Flughäfen oder Highways bekommen. Das klingt weitaus abfälliger als das Original, wo die Rede davon ist, daß sie vielleicht "nicht alle" all dies bekommen werden. Auf gut Deutsch: Vielleicht aber auch doch, und vor allem: Das eine oder andere davon vermutlich sehr wohl. "Ätzend" ist etwas anderes.

Dann wären da die Äußerungen der Wissenschaftler selbst, mit der sie die Bennenung begründen:

"Wir bewundern diese Führer als Mitbürger, die den Mut haben, zu ihren Überzeugungen zu stehen", erklärte Wheeler. Immerhin leisteten Bush, Rumsfeld und Cheney "die sehr schwierige und unpopuläre Arbeit, die Prinzipien der Freiheit und Demokratie zu leben, anstatt das Zweckdienliche oder Populäre hinzunehmen".

So weit, so gut. Bis auf die Formulierung "anstatt das Zweckdienliche (...) hinzunehmen", findet sich da nicht der geringste Ansatz zu vermuten, daß es satirisch gemeint sein könnte. Nun aber das Original:

The decision to name three slime-mold beetles after Bush, Cheney and Rumsfeld, however, didn't have anything to do with physical features, says Quentin Wheeler, a professor of entomology and of plant biology at Cornell for 24 years until last October, but to pay homage to the U.S. leaders. "We admire these leaders as fellow citizens who have the courage of their convictions and are willing to do the very difficult and unpopular work of living up to principles of freedom and democracy rather than accepting the expedient or popular," says Wheeler, [...]

Hier wird also "the expedient" mit "das Zweckdienliche" übersetzt, also auf gut Deutsch: das Richtige. Bush tut also aus Sicht der Wissenschaftler das Unpopuläre und Falsche, so Becker. Richtig, "expedient" hat diese Bedeutung. In einem politischen Zusammenhang wird es aber auch abfällig verwendet - im Sinne von "aus taktischen Gründen". Das Oxford English Dictionary beschreibt diese Verwendungsweise wie folgt: "In depreciative sense, 'useful' or 'politic' as opposed to 'just' and 'right'. Im Kontext macht diese Lesart auch weitaus mehr Sinn. Dann sagt Herr Wheeler nämlich: Bush und Co. stehen zu ihren Überzeugen, und für Freiheit und Demokratie ein, auch wenn das manchmal unpopulär und nicht immer taktisch klug ist (anders als z. B. als Bundeskanzler mit Antiamerikanismus Wahlkampf zu machen). Und dann ist das Statement rundherum positiv und gibt keinerlei Anzeichen für "Satire" mehr her.

Becker beschreibt die anderen Namensgeber für weitere Käfer wie folgt:

Mit dem Trio infernale der Tierwelt war die geistige Schaffenskraft der Forscher längst nicht am Ende. Andere Käfer wurden nach Berühmtheiten wie Pocahontas, Hernan Cortez oder "Star Wars"-Bösewicht Darth Vader benannt - Letzterer, weil Agathidium vaderi einen breiten, schimmernden, helmartigen Kopf habe. Anderen Agathidium-Arten verpassten die Entomologen griechische und lateinische Wörter für "hervorstehende Zähne", "seltsam" und "hässlich".

Dabei läßt er allerdings einiges aus:

The entomologists also named some of the new species after their wives and a former wife, Pocahontas, Hernan Cortez, the Aztecs, the fictional "Star Wars" villain Darth Vader ("who shares with A. vaderi a broad, shiny, helmetlike head"), Frances Fawcett (their scientific illustrator) and the Greek words for "ugly" and "having prominent teeth" and the Latin word for "strange."

Wenn die Wissenschaftler tatsächlich die drei Politiker beleidigen wollten, dann tun sie ebendies auch mit ihren Frauen und ihrer Illustratorin, denn nach denen haben sie auch Käfer benannt. Darüber hinaus erfährt man dies:

According to rules established by the International Commission on Zoological Nomenclature, the first word of a new species is its genus; the second word must end in "i" if it's named after a person; and the final part of the name includes the person or persons who first described the species. That's why all the new slime-mold beetle species' names end with Miller and Wheeler.

Wenn die Wissenschaftler doch Bush, Cheney und Rumsfeld so schlimm finden - warum verbinden sie dann freiwillig deren Namen mit einem Teil ihres Lebenswerks? Wenn ich Miller oder Wheeler hieße und die drei nicht leiden könnte, würde ich eines sicher nicht wollen: Daß auf ewige Zeit in den Lehrbüchern die Bezeichnungen "bushi Miller and Wheeler, cheneyi Miller and Wheeler and rumsfeldi Miller and Wheeler" stehen.

Welche Indizien hat Becker sonst noch für seine Lesart? Zum Beispiel dieses:

Wheeler, der 24 Jahre an der Cornell University lehrte und - welch ein Zufall - seit Oktober 2004 am Londoner Natural History Museum arbeitet.

Soll heißen: Bushs vermeintlich so wissenschaftsfeindliche Politik hat Wheeler nach England vertrieben. Belege dafür? Null. Hinweise darauf in der Pressemitteilung der Universität? Null. Aber weil es so schön ins Bild paßt, schreiben wir es mal hin. Und weil Becker ja auch nicht audrücklich sagt "Bush hat ihn vertrieben", sondern nur "welch ein Zufall", ist er auch auf der sicheren Seite.

Zum Schluß heißt es:

Wheeler verrate auch gern, wo sich die Regierungskäfer befinden - "für jeden", heißt es in der Mitteilung wörtlich, "der einen Bush-, Rumsfeld- oder Cheney-Käfer zur Strecke bringen will".

Das Original dagegen:

For anyone who may want to hunt down one of the new slime-mold beetles named for Bush, Cheney or Rumsfeld, Wheeler says that Agathidium bushi so far is known from southern Ohio, North Carolina and Virginia; Agathidium rumsfeldi is known from Oaxaca and Hidalgo in Mexico; and Agathidium cheneyi is known from Chiapas, Mexico.

Das "gern" im "Spiegel Online"-Artikel soll den Eindruck verstärken, daß Wheeler leidenschaftlicher Bush-Gegner ist. Nur leider fehlt es im Original völlig.

Darüber hinaus habe ich einen weiteren Einwand, den ich allerdings unter Vorbehalt stelle - da könnte Ray D. als Muttersprachler vielleicht für Gewißheit sorgen. So, wie ich die Syntax des Originaltextes verstehe, sagt Wheeler nur, wo die Tiere leben und spricht nicht davon, sie zur Strecke zu bringen - das ist vielmehr Teil der Pressemitteilung. Soweit meine englischen Grammatikkentnisse mich nicht täuschen, müßte für Beckers Lesart in der Formulierung "For anyone who may want to hunt down one of the new slime-mold beetles named for Bush, Cheney or Rumsfeld, Wheeler says that Agathidium bushi so far is known from southern Ohio [...]" auch hinter "Wheeler says" ein Komma stehen und danach würde vermutlich auch noch das "that" wegfallen. Der Unterschied wäre aus meiner Sicht etwa der zwischen den deutschen Formulierungen: "Für alle, die einen Käfer zur Strecke bringen wollen: Wheeler sagt, sie leben in Süd-Ohio..." und "Alle, die einen Käfer zur Strecke bringen wollen, sagt Wheeler, müßten nach Süd-Ohio reisen..." (Allerdings übersetzt auch AP diesen Teil so wie Becker, aber das allein überzeugt mich noch längst nicht...)

Nur mal zum Vergleich hier noch die Links zu den Darstellungen von AP und Reuters, die von den meisten US-Medien verwendet werden. Auch da gibt es keinerlei Hinweise, die Beckers Deutung der Namensgebung als "Rache" nahelegen.

Nun will ich damit nicht ausschließen, daß es vielleicht doch satirisch gemeint war - wer weiß schon, was in den Köpfen der Herren Wheeler und Miller vorgeht? Herr Becker ebensowenig wie ich. Nur: Diese Variante wird durch nichts im vorliegenden Material nachhaltig gestützt. Dennoch konstruiert Becker sich ein Story zurecht, in der Wissenschaftler sich "rächen" für Bushs angeblich wissenschaftsfeindliche Politik. Was ist daran bitte noch Journalismus?