(Von Wuldorblogger)
"Spiegel Online" ist aber auch zu berechenbar. Während wichtige Dinge - wie etwa die Nachricht, daß die US-Armee vermutlich Anfang 2006 bis zu 35.000 Soldaten aus dem Irak abziehen können wird, da man entscheidende Fortschritte gegen die "Aufständischen" mache - in drei Absätzen abgehandelt werden und nie den Weg auf die Hauptseite finden, kann man sich sicher sein, daß jede noch so belanglose Geschichte, in der Bush oder seine Mitarbeiter in ein (vermeintlich) negatives Licht geraten, prominente Behandlung erfährt: wie Dick Cheneys Parka bei der Auschwitz-Gedenkfeier, der es seinerzeit auf die Hauptseite schaffte. Oder wie Bushs iPod-Playlist, die mit kleiner "Hilfe" eines "New York Times"-Artikels ausführlichst psychoanalysiert wurde.
Nun also Käfer. Die Nachricht: Zwei US-Wissenschaftler haben je eine Art eines schleimpilz-essenden Käfers nach Bush, Cheney und Rumsfeld benannt. "Fragwürdige Ehre" titelt "Spiegel Online" dazu. Das mag schon sein. Aber was Markus Becker von SPON aus der Story macht, ist nicht weniger fragwürdig.
Selten hat sich eine US-Regierung in der Wissenschaft so viele Feinde gemacht wie die von Präsident George W. Bush. Einige Forscher haben sich nun auf ihre Weise gerächt: Sie benannten Schleimpilze fressende Käfer nach Bush, Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld.
Das ist die Kernthese des SPON-Artikels: Das alte Standardmotiv "Bush vs. die Wissenschaftler", und die Käferbenennung als "Rache" dagegen. Das Ganze noch einmal etwas anders gewendet:
Irgendwann
müssen Miller und sein Kollege Quentin Wheeler entdeckt haben, dass die
harmlosen Krabbeltiere auch in eine Art Biowaffe verwandelt werden
können - um die ungeliebte US-Regierung satirisch zu bekämpfen.
Und später:
Die Frechheit der Forscher dürfte eine kleine Rache für zahlreiche offene und verborgene Gängeleien der Regierung Bush sein.
Sie dürfte es sein, schreibt Becker da. Nur, daß er im Rest des Artikel so tut, als sei sie es. Das zweite und größere Problem ist es allerdings, daß es für diese Lesart keinerlei Indizien gibt.
Soweit man es dem Artikel entnehmen kann, beruht er auf einer einzigen Quelle - der zugehörigen Pressemitteilung der Cornell University. Und in die müßte man schon eine ganze Menge hineindeuten, um das herauszubekommen, was Becker aus ihr macht.
Zum Beispiel:
Bei der Cornell University freut man sich offenbar diebisch über die
kleine Rache von Wheeler und Kelly. "Präsident Bush, Vizepräsident Dick
Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld werden vielleicht
keine nach ihnen benannte Bibliotheken, Flughäfen oder Highways
bekommen", ätzte die Hochschule in einer Mitteilung. "Aber jeder kriegt
einen Schwammkugelkäfer, benannt zu seinen Ehren."
Im Original lautet die Passage (mit der die Pressemitteilung beginnt):
U.S. President George Bush, Vice President Dick Cheney and Secretary of
Defense Donald Rumsfeld may not all get a library, airport or highway
named after them. But each has a slime-mold beetle named in his honor.
Von "diebischer Freude" ist da wenig zu sehen. Ganz nebenbei übersetzt Becker unaufrichtig, in dem er schreibt, Bush, Cheney und Rumsfeld würden "vielleicht keine" nach ihnen benannten Bibliotheken, Flughäfen oder Highways bekommen. Das klingt weitaus abfälliger als das Original, wo die Rede davon ist, daß sie vielleicht "nicht alle" all dies bekommen werden. Auf gut Deutsch: Vielleicht aber auch doch, und vor allem: Das eine oder andere davon vermutlich sehr wohl. "Ätzend" ist etwas anderes.
Dann wären da die Äußerungen der Wissenschaftler selbst, mit der sie die Bennenung begründen:
"Wir
bewundern diese Führer als Mitbürger, die den Mut haben, zu ihren
Überzeugungen zu stehen", erklärte Wheeler. Immerhin leisteten Bush,
Rumsfeld und Cheney "die sehr schwierige und unpopuläre Arbeit, die
Prinzipien der Freiheit und Demokratie zu leben, anstatt das
Zweckdienliche oder Populäre hinzunehmen".
So weit, so gut. Bis auf die Formulierung "anstatt das Zweckdienliche (...) hinzunehmen", findet sich da nicht der geringste Ansatz zu vermuten, daß es satirisch gemeint sein könnte. Nun aber das Original:
The decision to name three slime-mold beetles after Bush, Cheney and
Rumsfeld, however, didn't have anything to do with physical features,
says Quentin Wheeler, a professor of entomology and of plant biology at
Cornell for 24 years until last October, but to pay homage to the U.S.
leaders. "We admire these leaders as fellow citizens who have the
courage of their convictions and are willing to do the very difficult
and unpopular work of living up to principles of freedom and democracy
rather than accepting the expedient or popular," says Wheeler, [...]
Hier wird also "the expedient" mit "das Zweckdienliche" übersetzt, also auf gut Deutsch: das Richtige. Bush tut also aus Sicht der Wissenschaftler das Unpopuläre und Falsche, so Becker. Richtig, "expedient" hat diese Bedeutung. In einem politischen Zusammenhang wird es aber auch abfällig verwendet - im Sinne von "aus taktischen Gründen". Das Oxford English Dictionary beschreibt diese Verwendungsweise wie folgt: "In depreciative sense, 'useful' or 'politic' as opposed to 'just' and 'right'. Im Kontext macht diese Lesart auch weitaus mehr Sinn. Dann sagt Herr Wheeler nämlich: Bush und Co. stehen zu ihren Überzeugen, und für Freiheit und Demokratie ein, auch wenn das manchmal unpopulär und nicht immer taktisch klug ist (anders als z. B. als Bundeskanzler mit Antiamerikanismus Wahlkampf zu machen). Und dann ist das Statement rundherum positiv und gibt keinerlei Anzeichen für "Satire" mehr her.
Becker beschreibt die anderen Namensgeber für weitere Käfer wie folgt:
Mit dem Trio infernale der Tierwelt war die geistige Schaffenskraft der
Forscher längst nicht am Ende. Andere Käfer wurden nach Berühmtheiten
wie Pocahontas, Hernan Cortez oder "Star Wars"-Bösewicht Darth Vader
benannt - Letzterer, weil Agathidium vaderi einen breiten,
schimmernden, helmartigen Kopf habe. Anderen Agathidium-Arten
verpassten die Entomologen griechische und lateinische Wörter für
"hervorstehende Zähne", "seltsam" und "hässlich".
Dabei läßt er allerdings einiges aus:
The entomologists also named some of the new species after their wives
and a former wife, Pocahontas, Hernan Cortez, the Aztecs, the fictional
"Star Wars" villain Darth Vader ("who shares with A. vaderi a
broad, shiny, helmetlike head"), Frances Fawcett (their scientific
illustrator) and the Greek words for "ugly" and "having prominent
teeth" and the Latin word for "strange."
Wenn die Wissenschaftler tatsächlich die drei Politiker beleidigen wollten, dann tun sie ebendies auch mit ihren Frauen und ihrer Illustratorin, denn nach denen haben sie auch Käfer benannt. Darüber hinaus erfährt man dies:
According to rules established by the International Commission on
Zoological Nomenclature, the first word of a new species is its genus;
the second word must end in "i" if it's named after a person; and the
final part of the name includes the person or persons who first
described the species. That's why all the new slime-mold beetle
species' names end with Miller and Wheeler.
Wenn die Wissenschaftler doch Bush, Cheney und Rumsfeld so schlimm finden - warum verbinden sie dann freiwillig deren Namen mit einem Teil ihres Lebenswerks? Wenn ich Miller oder Wheeler hieße und die drei nicht leiden könnte, würde ich eines sicher nicht wollen: Daß auf ewige Zeit in den Lehrbüchern die Bezeichnungen "bushi Miller and Wheeler, cheneyi Miller and Wheeler and rumsfeldi Miller and Wheeler" stehen.
Welche Indizien hat Becker sonst noch für seine Lesart? Zum Beispiel dieses:
Wheeler,
der 24 Jahre an der Cornell University lehrte und - welch ein Zufall -
seit Oktober 2004 am Londoner Natural History Museum arbeitet.
Soll heißen: Bushs vermeintlich so wissenschaftsfeindliche Politik hat Wheeler nach England vertrieben. Belege dafür? Null. Hinweise darauf in der Pressemitteilung der Universität? Null. Aber weil es so schön ins Bild paßt, schreiben wir es mal hin. Und weil Becker ja auch nicht audrücklich sagt "Bush hat ihn vertrieben", sondern nur "welch ein Zufall", ist er auch auf der sicheren Seite.
Zum Schluß heißt es:
Wheeler verrate auch gern, wo sich die Regierungskäfer befinden - "für
jeden", heißt es in der Mitteilung wörtlich, "der einen Bush-,
Rumsfeld- oder Cheney-Käfer zur Strecke bringen will".
Das Original dagegen:
For anyone who may want to hunt down one of the new slime-mold beetles named for Bush, Cheney or Rumsfeld, Wheeler says that Agathidium bushi so far is known from southern Ohio, North Carolina and Virginia; Agathidium rumsfeldi is known from Oaxaca and Hidalgo in Mexico; and Agathidium cheneyi is known from Chiapas, Mexico.
Das "gern" im "Spiegel Online"-Artikel soll den Eindruck verstärken, daß Wheeler leidenschaftlicher Bush-Gegner ist. Nur leider fehlt es im Original völlig.
Darüber hinaus habe ich einen weiteren Einwand, den ich allerdings unter Vorbehalt stelle - da könnte Ray D. als Muttersprachler vielleicht für Gewißheit sorgen. So, wie ich die Syntax des Originaltextes verstehe, sagt Wheeler nur, wo die Tiere leben und spricht nicht davon, sie zur Strecke zu bringen - das ist vielmehr Teil der Pressemitteilung. Soweit meine englischen Grammatikkentnisse mich nicht täuschen, müßte für Beckers Lesart in der Formulierung "For anyone who may want to hunt down one of the new slime-mold beetles named for Bush, Cheney or Rumsfeld, Wheeler says that Agathidium bushi so far is known from southern Ohio [...]" auch hinter "Wheeler says" ein Komma stehen und danach würde vermutlich auch noch das "that" wegfallen. Der Unterschied wäre aus meiner Sicht etwa der zwischen den deutschen Formulierungen: "Für alle, die einen Käfer zur Strecke bringen wollen: Wheeler sagt, sie leben in Süd-Ohio..." und "Alle, die einen Käfer zur Strecke bringen wollen, sagt Wheeler, müßten nach Süd-Ohio reisen..." (Allerdings übersetzt auch AP diesen Teil so wie Becker, aber das allein überzeugt mich noch längst nicht...)
Nur mal zum Vergleich hier noch die Links zu den Darstellungen von AP und Reuters, die von den meisten US-Medien verwendet werden. Auch da gibt es keinerlei Hinweise, die Beckers Deutung der Namensgebung als "Rache" nahelegen.
Nun will ich damit nicht ausschließen, daß es vielleicht doch satirisch gemeint war - wer weiß schon, was in den Köpfen der Herren Wheeler und Miller vorgeht? Herr Becker ebensowenig wie ich. Nur: Diese Variante wird durch nichts im vorliegenden Material nachhaltig gestützt. Dennoch konstruiert Becker sich ein Story zurecht, in der Wissenschaftler sich "rächen" für Bushs angeblich wissenschaftsfeindliche Politik. Was ist daran bitte noch Journalismus?