Es war einmal...
(Von Paul13)
Bin heute durch Zufall über ein uraltes Interview gestolpert, welches die ZEIT kurz vor Beginn des Irakkriegs mit unserem werten Außenminister geführt hat. Seltsamerweise hält das Auswärtige Amt dieses Prachtstück auf seiner Website immer noch vorrätig. Großer Fehler! Denn was Fischer da sagt, gehört nicht unbedingt in die Kategorie "Dinge, an die wir später gerne erinnert werden wollen". Naja, immerhin kann man ihnen nicht vorwerfen, daß sie etwas vertuschen. Jedenfalls sind Fischers Ansichten gerade im Rückblick entlarvend. Hier die schönste Antwort:
ZEIT: Können Sie sich vorstellen, dass 150.000 amerikanische Soldaten am Golf aufmarschieren und dann wieder abmarschieren, Saddam Hussein aber ist immer noch an der Macht?
Fischer: Von regime change lese ich in keiner Sicherheitsratsresolution. Das Thema wurde auch in Brüssel diskutiert, und die britische Seite hat noch einmal klar gemacht, dass sie sich nicht dem Prinzip des regime change, also einer mit Krieg herbeigeführten Entfernung von Saddam von der Macht verpflichtet fühlt.
Womit all jene ziemlich blöd aus der Wäsche gucken, die sich bis heute so gerne an irgendwelchen angeblichen Kriegslügen hochziehen und so tun, als ob die Alt-Europäer auch ohne die Themen Massenvernichtungswaffen oder Terrorismus mit der bloßen Begründung "Regime Change" zur Unterstützung der Befreiung des Irak zu bewegen gewesen wären.
D.h. in dem Moment, in dem die USA bereit waren, auf unilaterales Handeln zu verzichten, und vor die UNO zu gehen, hätten sie sogar dann mit Alternativen kommen müssen, wenn diese tatsächlich eine Lüge gewesen wären, und zwar schlicht und einfach deshalb, weil die "Achse des Friedens" den Sturz Saddams als solchen verhindern wollten, ganz unabhängig von irgendwelchen Begründungen. Also bitte nicht mehr weinen von wegen "Menno! Bush hat aber gelogen!"
Damit Sie mich nicht missverstehen: Wenn der brutale Diktator Saddam morgen von seinem Volk gestürzt würde, wenn er verschwände oder ins Exil ginge, die ganze Welt, an erster Stelle die Iraker, wären heilfroh. Die Frage ist nur: Rechtfertigt dieses einen Krieg mit all den Risiken, den humanitären Folgen, einer regionalen Destabilisierung und Terror? Das müssen Sie immer abwägen. Und da kommen wir zu einem klaren Nein.
Schon traurig, wenn man überlegt, daß Joschka Fischer der beste Außenminister ist, den wir uns momentan bauen können. Denn zu glauben, daß der Sturz eines Diktators der Saddam-Klasse durch die Bevölkerung weniger blutig sein könnte als die schnelle Amtsenthebung durch die stärkste Militärmacht der Welt, zeugt von einer Unprofessionalität, die auch unter Berücksichtigung der zu seiner Zeit üblichen romantischen Verklärung jedes noch so blutigen Volksaufstands oder Bürgerkriegs nicht zu entschuldigen ist.
Seine Überlegung, daß ein Saddam Hussein, nachdem er für die Sicherung seiner Macht hunderttausende Iraker über die Klinge hat springen lassen, einfach plötzlich verschwinden oder ins Exil gehen könnte, sagt ein übriges über die Vorstellung, die Joschka Fischer von der Welt da draußen hat. Es gibt dort eben nicht nur instabile Operettendiktatoren, die sich von unterbezahlten und schlecht ausgerüsteten Soldatendarstellern verteidigen lassen, sondern richtig harte Jungs, die über Widerstand auf "Waffen für El Salvador"-Niveau nur müde lächeln können.
Daß nach Abwägung der Risiken, der humanitären Folgen, der regionalen Destabilisierung und des Terrors das klare "Nein" ein Fehler war, kann man Fischer im Rückblick natürlich nicht vorwerfen, denn hinterher ist man immer klüger. Daß es aber gleichzeitig andere Leute gegeben hat, die damals zu einem klaren "Ja" gekommen sind und die im nachhinein recht behalten haben, schon. Das schlimmste aber ist, daß Fischer aus diesen Fehleinschätzungen nichts gelernt hat und auch beim nächsten Mal wieder "not convinced" sein wird.
Aha, es ist also abzuwägen. Somit sagt selbst Herr Fischer, dass es sich bei dem Irak-Krieg um eine politische Entscheidung handelt und nicht etwa um eine moralische, als welche sie von Rot-Grün im Wahlkampf behandelt wurde. Bei einer politischen Entscheidung muss man aber auch akzeptieren, wenn andere Leute anders abwägen und so zu einer anderen Entscheidung kommen.
Kommentiert von: dipa19 | 17/04/2005 um 13:45