SPIEGEL ONLINE: "Bushs perfekte Propaganda-Maschine"
(Von Davids Medienkritik; Übersetzt von David Harnasch)
Aufgepasst! SPON hat wieder mal Beweise dafür aufgetrieben, daß die US-Medien sich fest in der Hand der Bush-Regierung und ihrer gut geschmierten Propagandamaschine befinden!
Jawohl! Die Amerikaner werden beeinflußt von TV-Nachrichten, die die Bush-Administration auf unglaublich perfide Weise manipuliert. Unter der Überschrift "Bushs perfekte Propaganda-Maschine" bezieht sich SPON auf einen Artikel der New York Times, in der die über die zunehmende Verwendung vorgefertigter TV-Nachrichten durch die US-Regierung berichtet. SPON schreibt:
"Die US-Regierung bietet einen Service für amerikanische Lokal-Sender, den diese immer häufiger nutzen: Komplette Beiträge für die Nachrichten. Der Urheber wird gern verschwiegen. Auf diese Weise bringt die Administration elegant ihre Sicht der Dinge unters Volk.
Hamburg - Die Bush-Regierung macht sich eine Methode zunutze, die PR-Agenturen seit langen Jahren erfolgreich nutzen. Vorgefertigte Fernseh-Beiträge werden an TV-Stationen geschickt, die das Material dankbar annehmen, weil sie häufig finanziell nicht grade üppig ausgestattet sind. Einem Bericht der "New York Times" zufolge hat diese Art der Propaganda in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen."
SPON versäumt es natürlich praktischerweise, auch diese Zitate aus exakt demselben Bericht der New York Times zu erwähnen:
"Dieses Vorgehen, das unter Clinton ebenfalls vorkam, setzt sich fort trotz der Forderung Präsident Bushs nach einer klareren Trennung zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit der Regierung.
Bundesbehörden beauftragten spätestens seit der ersten Clinton-Regierung die Vorproduktion von Fernseh-Nachrichtenbeiträgen. (...)
Unter der Bush-Administration scheinen Bundesbehörden mehr Nachrichtenbeiträge zu veröffentlichen, die außerdem ein größeres Themenspektrum abdecken.
Eine genaue Abrechnung ist nahezu unmöglich."
Anders gesagt: Dieses Vorgehen ist wohl kaum einzig bei der Bush-Regierung üblich. Es war bereits unter der Clinton-Regierung verbreitet und ist in der Privatwirtschaft sowieso üblich. Die Behauptung der NYT, daß diese Praxis unter Bush zugenommen hätte, mag durchaus zutreffen. Dennoch gibt die Zeitung offen zu: "Eine genaue Abrechnung ist nahezu unmöglich."
A propos Abrechnung: Sogar SPON kann die offensichtliche Tatsache nicht völlig ignorieren, daß die Verantwortung für Inhalt und Art der Nachrichten den jeweiligen Fernsehsendern zugerechnet werden muß. Der letzte Absatz des Artikel lautet (wer hätte das gedacht):
"Die Regierung weist den Propaganda-Vorwurf der Zeitung gegenüber zurück. Es stehe schließlich in der Verantwortung der Sender, darüber zu informieren, dass Beiträge über die Regierungspolitik von der Regierung kämen."
Gleichgeschaltet
Unglücklicherweise ist der SPON-Artikel "Bush's perfekte Propagandamaschine" selbst ein Beispiel für die propagandaartige Kampagne der Deutschen Massenmedien. Ziel ist es, die deutsche Öffentlichkeit zu überzeugen, daß die Mehrheit der US-Medien von der Bush-Regierung beherrscht oder mindestens stark beeinflusst werden.
Viele Deutsche wurden sogar zu der Überzeugung geführt, daß die meisten US-Medien "gleichgeschaltet" sind. Anders formuliert: Viele Deutsche glauben, daß die Mehrheit der US-Medien eine auf mangelnder Information beruhende Meinung propagieren, die den Präsidenten und seine Politik, speziell den Irak-Krieg unausgewogen positiv darstellt. Um den SPON-Artikel als Außenstehender völlig zu verstehen, muß man ihn in diesem Zusammenhang lesen.
"Bushs perfekte Propaganda-Maschine"...ist offenbar nicht so perfekt
Das Problem der Idee von den "gleichgeschalteten" Medien ist, daß sie schlicht unhaltbar ist. Oder anders: Daß sie lächerlicher Unsinn ist.
Eine aktuelle Studie des "Project for Excellence in Journalism" der Columbia University liefert genug Beweise, um die Behauptung auseinanderzunehmen, die amerikanischen Fernsehsender seien von der sogenannten "perfekten Propagandamaschine" der Bush-Regierung beherrscht oder auch nur deutlich beeinflusst. (Man nehme zur Kenntnis, daß die Columbia University im Herzen der Stadt New York kaum eine Hochburg konservativen, rechtslastigen, republikanischen Gedankenguts ist.)
Die Studie ergab, daß während des untersuchten Zeitraumes unmittelbar vor der Wahl 2004 die Nachrichtenberichterstattung der Fernsehsender überwältigend voreingenommen GEGEN Präsident Bush war:
"In den entscheidenden Wochen vor der Präsidentenwahl 2004, der Zeit, die behherrscht wurde von den Fernsehduellen litt Präsident George W. Bush gemäß einer neuen Studie, die das "Project for Excellence in Journalism" heute veröffentlichte unter aufallend schlechterer Berichterstattung als der Herausforderer John Kerry.
Mehr als die Hälfte der Berichte über Bush wahren entschieden negativ im Tonfall (1). Im Kontrast hierzu waren nur ein Viertel der Berichte über Kerry offensichtlich negativ. (...)
Berichte, in denen es hauptsächlich um den Präsidenten ging, waren mehr als dreimal so oft negativ, wie solche, die hauptsächlich von Kerry handelten (52% Bush gegenüber 17% Kerry).
Die negativen Berichte über Bush überwogen auch die positiven. Nur 15% der Fernsehberichte über Bush zeigen ihn in einem eindutig positiven Licht. Die größte Gruppe, 33%, war neutral.
Kerry kam weit besser weg. Tatsächlich war die Berichterstattung über ihn während des untersuchten Zeitraums mit mehr als so oft positiv wie negativ. Volle 57% der Berichte, die hauptsächlich Kerry thematisierten waren positiv, weitere 26% waren neutral.
Die meisten Fernsehberichte befassten sich nicht nur mit Bush ODER Kerry, sondern behandelten beide Kandidaten. Auch wenn diese Berichte eher neutral ausfielen als solche, die sich nur um einen der beiden Kandidaten drehten, gab es auch hier ein Muster, nach dem Kerry besser abschnitt. Im Ganzen waren 11% dieser Berichte eindeutig negativ in Bezug auf Bush, 4% in Bezug auf Kerry. Gleichzeitig waren 16% positiv für Kerry, 7% für Bush."
Nicht vergessen: Es geht hier um genau die Fernsehnachrichten, die laut SPON so clever und subtil beeinflußt werden durch "Bushs perfekte Propagandamaschine". Im Licht der Fakten betrachtet, ist "Bushs perfekte Propagandamaschine" also nicht annähernd so perfekt oder einflußreich, wie SPON seinen Lesern glauben machen möchte.
Das Hauptproblem ist, daß Studien wie die des "Project for Excellence in Journalism" der Columbia University trotz ihrer Bekanntheit und Verfügbarkeit in journalistischen Kreisen niemals von SPON erwähnt werden. Warum? Weil die Tatsachen, die sie aufzeigen, nicht ins Bild passen wollen, das von den USA gezeichnet wird: Eine Nation, die von den Neo-Cons unterjocht wurde und in der die Medien von den finsteren Machenschaften der doppelzüngigen Bush-Regierung still und heimlich unterwandert und kontrolliert werden.
Um diese Wirklichkeitsverweigerung zu verstehen, muß man die Ursachen kennen. Leider ist die SPON-Leserschaft inzwischen von anti-amerikanischen Tiraden so abhängig wie ein Junkie vom Heroin. Und die Redaktion fühlt sich als Dealer verpflichtet, diese Sucht zu befriedigen. Tatsachen zu kolportieren, die dieser Sicht widersprechen, hieße, die Junkiekundschaft massiv zu verprellen - und damit den Umsatz zu torpedieren. Wundert es also, daß amerikafreundliche Artikel von Fremdautoren wie Henryk M. Broder nur noch so selten und oft spät veröffentlicht werden?
Einfach gesagt: SPONs Artikel "Bushs perfekte Propagandamaschine" ist ein weiteres klassisches Beispiel für den Sieg der Sensationsgier und der Voreingenommenheit über Substanz und Ausgewogenheit in den deutschen Medien. Oder anders: Wenn Du die Tatsachen nicht magst - ignoriere sie einfach! Wir wollen doch die Junkies nicht verärgern, oder?!
