(Von Wuldorblogger)
Arnd Festerling gelingt es in der "Frankfurter Rundschau" zum
zweijährigen Jahrestag des Kriegsbeginns im Irak einen Kommentar
hinzulegen, der fast schon jeder Beschreibung spottet. "Nichts Neues"
nennt er sich - und damit trifft der Autor ungewollt den Nagel auf den
Kopf. Es sind drei ganze Absätze. Aber dazu schreiben könnte man Bände.
Schon der Anfang:
"Abertausende Menschen haben am Wochenende gegen den Krieg in Irak
protestiert, gegen das zigtausendfache Sterben, gegen Leid und
Zerstörung."
"Abertausende Menschen" klingt prima. Laut "Spiegel Online" (und glaubt hier irgendjemand, SPON würde diese Zahlen im Zweifelsfall untertreiben?)
waren es bei der größten europäischen Demo in London 45.000 Menschen.
Zum Vergleich: Bei der Demonstration gegen eine neue
EU-Dienstleistungsrichtlinie waren am Wochenende in Brüssel etwa 50.000
Demonstranten. Beim Bundesligaspiel Hamburger SV - Borussia Dortmund
waren 55.500 Menschen. In Beirut haben am letzten Montag wohl etwa eine
Million Menschen für Demokratie demonstriert. Demgegenüber
demonstrieren in der Multimillionenstadt London trotz aller
internationaler Vernetzung der Organisatoren maximal 45.000 Menschen.
Oder eben: "Abertausende"...
Die demonstrieren aber auch keineswegs nur "gegen das zigtausendfache Sterben, gegen Leid und
Zerstörung". Dann müßten sie nämlich - wie die Iraker -
vor allem gegen die Terroristen und Baathisten demonstrieren, die für
Leid und Zerstörung primär verantwortlich zeichnen, und ohne die es
keinen Krieg im Irak mehr gäbe. Leider tun viele gerade das nicht. Sie
demonstrieren vielmehr für einen Abzug der alliierten Truppen, der den
Mördern freies Spiel lassen würde. Sie demonstrieren für den
"irakischen Widerstand". Sie demonstrieren gegen die USA, denn "Bush =
Hitler" und "Blut für Öl". Sie demonstrieren, wie uns sogar in dem
SPON-Artikel mitgeteilt wird, dafür, daß Bush "seine Unterstützung für
Israels 'brutale Besatzungspolitik'" beendet. Und manche demonstrieren
- an Hammer und Sicheln unschwer zu erkennen - auch einfach nur für den
Kommunismus. Mit dem täglichen Leid der Iraker (und Amerikaner) durch
jene Jünger bin Ladens und Saddams, die dem Irak eine bessere Zukunft
verwehren wollen, setzen sich dagegen nur wenige der Demonstranten
auseinander.
"Allein 1519 US-Soldaten starben für die von Bush verkündete Aufgabe,
erst Irak und dann der gesamten Region Freiheit und Demokratie zu
bringen."
Auch
wenn jedes Opfer selbstverständlich furchtbar ist, wäre es
journalistisch aufrichtiger, zumindest einmal darauf hinzuweisen, daß
durch durch Kampfhandlungen bisher 1156 US-Soldaten
ums Leben gekommen sind. Alle weiteren Todesfälle wurden durch Unfälle
oder Krankheiten verursacht, die in der Regel ebenso in Friedenszeiten
und an anderen Orten hätten auftreten können (und auftreten). Darüber
hinaus ist es allerdings erfreulich, daß wenigstens Herr Festerling
scheinbar vor dem Krieg zugehört und zur Kenntnis genommen hat, daß das
Thema Demokratie da auch schon eine Rolle spielte.
"Die Iraker sind in einer fatalen Lage. Sie können darüber nachgrübeln,
ob der Preis für die Vertreibung des blutrünstigen Saddam nicht zu hoch
ist. Wer von den Schergen des Despoten verfolgt wurde, dürfte dabei zu
anderen Ergebnissen kommen als Menschen, die damals unbehelligt
blieben, aber heute ihren Alltag inmitten des Bombenterrors einrichten
müssen."
Auch
hier gilt selbstverständlich: Jeder Tod, alles Leid ist furchtbar. Aber
die Iraker scheinen durchaus eine eindeutige Meinung zu haben. Allein
über acht Millionen haben sie mit einem blauen Finger bekundet. Und
auch Meinungsumfragen - bei allen Vorbehalten, die generell gegenüber
der Demoskopie gelten - sprechen eine klare Sprache. Die jüngste
Umfrage des - trotz seines Namens - überparteilichen International Republican Institute
ist jedenfalls wie viele unterschiedliche Umfragen zuvor extrem
ermutigend. 62 % der Iraker sehen danach ihr Land auf dem richtigen
Weg, nur 23 % auf dem falschen - der beste Wert, den das IRI jemals
seit Beginn der Umfragen gemessen hat. Hoffnungsvoll in die Zukunft
blicken nach dieser Umfrage mehr als 90 Prozent.
(Im übrigen ist es interessant, daß laut Herrn Festerling die Iraker
darüber "nachgrübeln", ob der Sturz Saddams den "Preis" wert war. Viele
deutsche Journalisten tun dies - wie auch viele "Friedensbewegte" -
erst gar nicht, weil sie den mit einer Fortdauer der Saddam-Herrschaft
ebenfalls verbundenen "Preis" weitaus weniger in die Kalkulation mit
einbeziehen als die Iraker.)
"In den USA ist die Zustimmung zum Krieg seit Entlarvung der Bedrohungslüge ohnehin deutlich gesunken."
Ich denke, zum Thema "Was ist eine Lüge?" ist hier schon genug geschrieben worden...
"Daran ändert auch nichts, dass Präsident Bush wieder einmal erklärte, das amerikanische Volk lebe nun sicherer."
Denkt
das amerikanische Volk allerdings mehrheitlich wohl offenbar auch. Laut
ABC und "Washington Post" jedenfalls derzeit 52 %, während 46 % es
nicht denken.
"Zumindest die in Irak stationierten, uniformierten Teile des Volkes dürften dem nicht vorbehaltlos zustimmen."
Bester
Indikator für das Verhältnis des Militärs zu seinem Präsidenten ist
wohl das Wahlverhalten. Und wer lag da bei den Soldaten klar vorn?
George W. Bush.
"So bleibt alles, wie es war. Die Kriegsgegner werden trotz besserer
Argumente nicht gehört, [...]"
Meint
der Autor die "besseren Argumente" von vor dem Krieg? Also die
Millionen Flüchtlinge? Die Hunderttausenden Toten beim Häuserkampf um
Bagdad? Saddams Angriffe mit jenen Massenvernichtungswaffen, von denen
heute jeder immer wußte, daß es sie nie gab? Den Aufstand der
"arabischen Straße"? Den "Flächenbrand in der Region"? Oder die riesige
Umweltkatastrophe?
Oder sind die "besseren Argumente" von heute gemeint? Also
sofortiger Truppenabzug, um die Iraker den Terroristen auszuliefern?
Stärkere Einschaltung der UN, die keine stärkere Rolle zu übernehmen
bereit ist? Stärkere Einbindung der Nachbarn, die es gerade sind, die
den Terror im Irak fördern?
"Irak ist nicht sicherer als vor einem Jahr und auch die Demokratie kommt nicht richtig voran."
Schreibt
der gute Mann, nachdem über acht Millionen Menschen zum ersten Mal in
ihrem Leben frei gewählt haben. Nachdem vor ein paar Tagen erst ein
frei gewähltes Übergangsparlament erstmals zusammengetreten ist. Und
wenige Tage, bevor eine Koalitionsregierung bestimmt werden wird, in
der alle Bevölkerungsgruppen repräsentiert werden dürften, und die alle
Ängste vor islamischem Fundamentalismus, iranischer Kontrolle oder
Baath-Renaissance widerlegen dürfte. Und das ist nur der Irak. Zu den
positiven Tendenzen in der Region, die vor zwei Jahren noch als
undenkbare Spinnereien galten, schweigt der Autor geflissentlich.
"Und weiterhin wird gebombt, geschossen, getötet. Nichts Neues also zum Jahrestag. Leider."
Nichts Neues vor allem in deutschen Redaktionsstuben, so scheint es. Leider.