Die Glut des latenten Antiamerikanismus
(Von David Kaspar)
Ray machte mich auf dieses äußerst interessante WELT-Interview mit dem Berliner Publizistik-Professor Lutz Erbring zum Antiamerikanismus in den deutschen Medien aufmerksam.
Hier einige Auszüge:
Schneisen durch Bagdad gebombt
Es ist erstaunlich, aber die journalistische Professionalitätsvorstellung geht bei Auslandsnachrichten schnell verloren. Bei Inlandsthemen würde es kein Journalist wagen, solche Texte zu verfassen, wie er sie ohne weiter nachzudenken über Ereignisse in Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder den USA schreibt. Diese Texte reflektieren typischer Weise die offizielle Linie der Regierung in Bezug auf die Außenpolitik. ...
Wir haben versucht, die auf die USA bezogenen Stereotypen, die immer wieder durchbrechen, zu klassifizieren. Sie reichen von Arroganz, über Unkultur, Doppelmoral, Prüderie bis hin zu Oberflächlichkeit und werden durch Medien wie Fernsehen, Radio, Zeitungen Zeitschriften vermittelt und verstärkt. Ein beliebiges Beispiel dafür war eine ARD Nachrichtensendung zum Beginn der Invasion in Irak vor etwa zwei Jahren, als die Moderatorin, ich glaube es war Anne Will, zu einer Zeit, als die aktive Bombardierung gerade voll im Gange war und die Amerikaner mit High-Tech Gerät und "intelligenten Marschflugkörpern" militärische Ziele herausgepickt haben, sagte: Die amerikanische Luftwaffe hat wieder "Schneisen durch Bagdad gebombt". "Schneisen" - das Wort erinnert natürlich viele Deutsche an die Flächenbomdardements im Zweiten Weltkrieg. Wenn man solche Formulierungen in den Nachrichten über ein innenpolitisches Konfliktthema benutzen würde: dann würden aber die Telephone heiß laufen. Ich bin sicher, in diesem Fall gab es kaum einen Anruf. ...
Der feuilletonistisch-kulturell bedingte Antiamerikanismus hängt mit der kulturellen Arroganz Europas zusammen, das sich als Gegenstück zu einem als kulturlos verstandenen Amerika begreift, und in seinen Anfängen bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er durch die positive Wirkung des Marshall-Plans und anderer US-Hilfsmaßnahmen in Deutschland zunächst jedoch nicht sehr stark ausgeprägt. Dramatisch verdüstert hat sich das Bild Amerikas in der deutschen Öffentlichkeit erst wieder in den späten sechziger Jahren mit den Studentenunruhen von 1968 und den weltweiten Protesten gegen den Krieg in Vietnam. In dieser Zeit wurde der Begriff "Amerikanisierung" in der öffentlichen Sprache zu einem virulenten Schimpfwort. ...
In fünf Jahren gibt es einen anderen Präsidenten und der Irak ist möglicherweise befriedet. Das hätte natürlich Auswirkungen auf die Stärke der Ressentiments, die sich an der gegenwärtigen Situation und an bestimmten Personen festmachen. Aber unter der Oberfläche schwelt leider die lange Glut des latenten Antiamerikanismus. Der hat eine lange Tradition und bleibt, auch wenn Präsident Bush nicht mehr im Amt oder Palästina befriedet ist. (Hervorhebungen durch uns)
Vieles an der deutschen Kritik in Politik und Publizistik an George Bush ist in der Tat kaum verhüllter Antiamerikanismus: nämlich stets dann, wenn sich die Kritiker Bushs zu seiner Beschreibung Stereotypen bedienen, die auch zu den Stützpfeilern des Antiamerikanismus zählen: Orientierung an kapitalistischen Wirtschaftsprinzipien, religiös-moralischer Unterbau der Politik, Glaube an die Wirksamkeit militärischer Abschreckung sowie Bereitschaft zum Handeln ("Can Do"-Mentalität). George Bush käme aus der Schandmaske deutscher Kritik nur heraus, wenn er die Beliebigkeitsformeln unserer Politik übernehmen würde. Zugleich allerdings verlöre er jeden Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung.
Ich ahne, wofür er sich entscheiden würde...
Was Herr Prof. Erbring über die 68er und das (Wieder-)Anwachsen des Anti-Amerikanismus sagt, klingt überzeugend. Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist allerdings die, wie man erklären kann, dass die von THE MOVEMENT, WOODSTOCK etc. so abhängige deutsche Studentenbewegung sich ausgerechnet zu so hartnäckigen Amerika-Hassern entwickeln konnte?
Kommentiert von: ralph | 01/03/2005 um 18:54
Wenn jetzt einer schreibt, er möge zwar die Amerikaner, nicht aber Bush, das sei ja wohl kein Antiamerikanismus, dann schreie ich...
Kommentiert von: Gabi | 01/03/2005 um 19:19
@Gabi, danke für den Hinweis auf die Die Welt Artikel "Schneisen durch Bagdad gebombt". Ich wurde schon vor eine Woche darauf aufmerksam gemacht durch eine Ihre Kommentare. Ich glaube das ist genau das richtige für meinen deutschsprachigen Freunden und Verwandten, weil sie es eher glauben wenn es von einem deutschen Forscher in eine deutsche Zeitung erfahren. Ich habe es an 15 meiner deutschsprachigen Freunden und Verwandten in Deutschland und USA geemailt, um sie auf die Missstände hier aufmerksam zu machen. Ich habe bisher drei Antworten bekommen; zwei eher positiv, und eine unbestimmt.
Kommentiert von: Germerican | 01/03/2005 um 22:32
Ich denke immer noch darüber nach, wie man effektiver die Informationen über die gängigen Medienlügen und Auslassungen bereithalten kann.
Es gibt so viel Material zu Israel, daß Jenin kein Massaker war, daß der Film Jenin, Jenin gestellt worden ist usw. und nirgendwo ist es gebündelt zu finden.
Aber ich denke, von einem einzelnen ist das gar nicht zu leisten. Man müßte eine "Informationsbank" errichten, die gerade mit Israel und den USA zusammenarbeitet, den beiden Ländern, die am meisten unter dem Haß zu leiden haben.
Kommentiert von: Gabi | 02/03/2005 um 08:17