Demokratie hinter Panzersperren
(Von Paul13)
Für Washington sind die Wahlen im Irak ein Meilenstein auf dem Weg in die Freiheit, für die Iraker ein weiterer Schritt in den Bürgerkrieg
Sieh da, unser alter Bekannter Ulrich Ladurner. War ja zu erwarten, daß er es sich nicht nehmen lassen würde, die ersten freien Wahlen im Irak noch ein letztes Mal in den Dreck zu ziehen. Und eins muß man ihm ja lassen, seine Demokratieverachtung ist nicht bloß aufgesetzt. Der ist wirklich davon überzeugt und hält das auch tapfer bis zum Ende durch. Wo selbst die Jungs von SPIEGEL allmählich Muffensausen kriegen und mit dem näherrückendem Wahltermin plötzlich doch noch sicherheitshalber mal ein paar terrorismuskritische oder sogar prodemokratische Artikel bringen, steht der gute Uli wie eine deutsche Eiche und weicht auch im Angesicht der unvermeidbaren Niederlage keinen Millimeter zurück.
[...] Es gibt viele Iraker, die glauben, die von der US- Armee rekrutierten und ausgebildeten irakischen Soldaten seien nichts weiter als Klone der GIs. Diese Soldaten tragen nämlich Sonnenbrillen. Das würde ein echter irakischer Soldat nicht tun. Diese Soldaten tragen auch ihre Kalaschnikows in der Art wie die US-Soldaten ihre M16-Sturmgewehre, was sehr linkisch wirkt.
Sonnenbrillen! Die lassen sich aber auch immer wieder eine neue Teufelei einfallen, diese Yankees. Und jetzt produzieren sie schon GI-Klone, die man daran erkennt, daß sie ihre Kalaschnikows auf amerikanische Art tragen. Das ist natürlich sehr verdächtig in den Augen jener ewiggestrigen Iraker, für die ein echter Soldat noch den DDR-Stechschritt draufhat und sich auch im Alltag bewegt wie ein Kampfroboter aus einem schlechten Science-Fiction-Film.
[...] Was Washington als Meilenstein der Befriedung betrachtet, kann aus Sicht der Iraker ein Rückschritt sein, ja ein Schritt in den Abgrund gar.
Wirklich unfaßbar! Der Uli glaubt tatsächlich bis zum letzten Moment an den Endsieg. Gruselig, aber...
auf eine morbide Weise auch faszinierend.
Es lässt sich mit gutem Recht behaupten, dass für die Iraker nahezu nichts dieselbe Bedeutung hat wie für die Amerikaner. Von al-Sarqawi über Allawi zur irakischen Armee – es gibt kaum noch eine Gemeinsamkeit zwischen dem Befreier und den Befreiten. Nicht mehr. Denn es gab mal eine, im April 2003. Die überwältigende Mehrheit der Iraker war glücklich über den Sturz des Diktators Saddam Hussein. Bei allem Misstrauen gegenüber Washington, die Invasion stürzte den Mann, der verhasst und gefürchtet war wie kein Zweiter.
Jetzt würde ich ja gerne mal einen Artikel von Ladurner sehen, den er in jenen Tagen geschrieben hat. Vielleicht irre ich mich ja, aber irgendwie kann ich mir kaum vorstellen, daß er die Befreiung des Irak durch US-Truppen damals so positiv beschrieben hat, wie er das heute gerne darstellen möchte. Aber wer weiß, vielleicht treibt ja irgendein nachtragender Leser noch so ein Prachtexemplar auf.
[...] Die Folterskandale der Amerikaner von Abu Ghraib, der Briten in Basra und nun auch der irakischen Regierung sind darin besonders herausragende, weil schändliche Wegmarken, die für die Iraker eine Botschaft enthalten: Der Befreier ist ein Unterdrücker.
Dann haben sie die Botschaft wohl nicht verstanden. Deswegen wurden die Folterskandale vor Ort auch anders als in der westlichen Öffentlichkeit nur als das gesehen, was sie waren: Skandale eben. Wobei das nicht so überraschend ist angesichts der Tatsache, daß Schlafentzug und Nacktfotos mit Damenunterwäsche bei Menschen, die sich unter Folter bisher amputierte Gliedmaßen und herausgerissene Augen vorstellen mußten, etwas weniger erschreckend wirken als in der westlichen Öffentlichkeit.
[…] Die Iraker erlebten das ganz anders. Ihr Land versank nach und nach im Chaos. Die guten Nachrichten, die es auch geben mochte in dieser Zeit, verpufften.
Wie, gute Nachrichten? Doch nix mit deutscher Eiche? Erste Rückzuggefechte? Da bin ich ja fast ein wenig enttäuscht.
Den USA gelang es nicht, die Herzen und Köpfe zu gewinnen – im Gegenteil, sie haben sie mehr und mehr verloren. Als sie Falludscha eroberten, mussten sie feststellen, dass die Aufständischen überwiegend nicht Ausländer waren, wie sie behauptet hatten – sondern Einheimische.
Und? In der Stadt wurden ca. 2-3.000 Terroristen getötet oder gefangengenommen. Viele waren vor Beginn der eigentlichen Offensive bereits geflüchtet. Das waren selbstverständlich nicht alles ausländische Terrortouristen. Das behaupten auch nicht die Amerikaner. Was sie aber zurecht behaupten, ist daß es eben nur eine kleine, radikale und verhaßte Minderheit war. Denn selbst wenn es einige tausend waren, so sind das in einer Stadt von 300.000 Menschen eben nur vielleicht 1 oder 2 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahl ist aber nur ein Bruchteil alleine jener Einwohner von Falludscha, die im Laufe der Schreckensherrschaft jener Minderheit aus ihrer eigenen Stadt geflohen ist.
Nun, das muss nicht bedeuten, dass der Irak für die Demokratie verloren ist, dass er für immer und ewig zu Tyrannei oder Bürgerkrieg verdammt ist. Denn es besteht kein Zweifel daran, dass die allergrößte Mehrheit der Iraker wählen möchte. 88 Prozent sollen es nach jüngsten Umfragen sein. Vor allem die Schiiten drängen an die Wahlurnen, denn für sie ist es die Chance, zum ersten Mal seit Gründung des Iraks einen angemessenen Anteil an der Macht zu bekommen. Alle Iraker wollen frei sein und ihr Schicksal selbst bestimmen.
Ach, auf einmal! Diese Erkenntnis kommt aber reichlich spät. Da fragt man sich unwillkürlich, warum Ladurner die Demokratie im Irak so verzweifelt kaputtzureden versucht. Wieso soll eine kleine islamofaschistische Minderheit das Recht haben, der weit überwiegenden Mehrheit freie Wahlen zu verbieten?
Das zu sagen ist freilich eine Banalität, die man angesichts der Tragödie des Iraks als grausam-zynisch bezeichnen muss. Doch George W. Bush lässt sich nicht irritieren. Er verkündet vorsorglich schon wieder einen Sieg: »Die Terroristen wissen, dass im Irak ein entscheidender Augenblick naht. Wenn die Wahlen stattfinden, wird die Demokratie dauerhafte Wurzeln schlagen, und die Terroristen werden eine schreckliche Niederlage erleiden!«
Mir scheint, nicht nur die Terroristen.
Um die Skepsis der Iraker nachvollziehen zu können, ist es nützlich, das Diktum des US-Präsidenten etwas zu erweitern. Es ist für Iraker entscheidend, »unter welchen Bedingungen« die Wahlen stattfinden. Derzeit gehen täglich fünf Autobomben allein in Bagdad und Umgebung hoch, im Schnitt sterben dabei mehr als 30 Iraker.
Das heißt, mehrere hundert Terroristen schaffen es mit Mühe pro Tag umgerechnet einen unbewaffneten Zivilisten zu ermorden. Was für Helden! Kein Wunder, daß die breite Mehrheit der Iraker sich nicht davon abschrecken läßt, zur Wahl zu gehen.
Zu den Bedingungen gehört aber noch etwas anderes, Wichtigeres. Das Wahlrecht sieht Einerwahlkreise mit Mehrheitswahlrecht vor. Wer in einem Wahlkreis gewinnt, der bekommt alle Stimmen. Das bedeutet, dass Minderheiten und Regionen wenig Chancen haben werden, angemessen repräsentiert zu werden. Gestärkt werden Großgruppen wie etwa die Schiiten, über die Großajatollah Ali al-Sistani eine nahezu unbeschränkte Autorität ausübt, oder die gut organisierten Kurden.
Hätten die Führer der Sunniten ihre Energien in die Wahl anstatt ihre Verhinderung gesteckt, währen sie auch gut organisiert. Also bitte nicht weinen, ok?
[…]
An dieser Stelle überspringe ich mal einen großen Block teilweise schon recht alter Verschwörungstheorien. Für ein derartiges Kindergartenniveau habe ich dann doch keine Zeit. Daß da erwachsene Menschen heute noch dran glauben - tststs…
Während Washington also Siege vermeldet und mitunter hinter vorgehaltener Hand Fehler eingesteht, erkennen viele Iraker in alledem den Willen zur systematischen Zerschlagung ihres Staates – und die Wahlen als ein Instrument zu diesem Zwecke. Freilich, man muss nicht dieser Interpretation folgen. Die Aufständischen jedenfalls stellen die Verhältnisse auf den Kopf. Opposition gegen die Wahlen erscheint als patriotischer Akt, Wählen als Verrat an der muslimischen Nation Irak.
Seltsam. Die 88 Prozent, die für die Demokratie sind, sind die Verräter, die Terroristen hingegen die Patrioten. Woraus sich ergibt, daß für Ulrich Ladurner die restlichen 12 Prozent offenbar der Irak sind. Zum Glück wird der bei uns niemals die Wahlgesetze machen.
Gleichwohl werden viele Iraker an die Urnen gehen, so gut sie es eben können, misstrauisch, bangend, um das eigene Leben fürchtend.
Und von Ulrich Ladurner als Verräter beschimpft. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Verräter der muslimischen Nation Irak! Geht heute für Eure Zukunft wählen und gebt Euren ehemaligen wie potentiellen Unterdrückern (sowie ihren Steigbügelhaltern in den westlichen Medien) auf diese Weise endlich den langverdienten Tritt in den Hintern.
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