Interview mit Roger Willemsen: „Obszönes
Verhältnis zum Grauen“
Auf der Frankfurter Buchmesse war der
Schriftsteller und TV-Moderator Roger Willemsen an mehreren
ai-Veranstaltungen beteiligt. Willemsen, seit Jahren engagierter
Menschenrechtler und ai-Botschafter, spricht mit dem ai-JOURNAL über
seine Arbeit für ai und über Menschenrechtsthemen in den Medien.
ai-JOURNAL: Wie
bewerten Sie die Verleihung des Friedenspreises des deutschen
Buchhandels an die Amerikanerin Susan Sontag?
Roger Willemsen: Mit
Susan Sontag wurde eine Humanistin und somit Anwältin der
Menschenrechte ausgezeichnet. Die Ironie der Geschichte will, dass
in diesem Jahr Friedensnobelpreis und Friedenspreis des deutschen
Buchhandels an politisch engagierte Frauen gegangen sind, und dass
in beiden Fällen die Regierungen „not amused“ waren. Da haben der
Iran und die USA also etwas gemeinsam.
Finden Sie es wichtig, dass Organisationen wie
amnesty international auf der Buchmesse vertreten sind?
Roger Willemsen: Eine
Buchmesse feiert Kultur. Wie steril und harmlos wäre ein Begriff von
Kultur, der nicht die Achtung der Menschenrechte, ja, die Arbeit für
diese als Teil der Kultur begriffe. Ich kann doch nicht gut
Einfühlung in menschliche Leidensgeschichte in der Literatur pflegen
und sie außerhalb der Literatur ignorieren.
Seit Jahren treten Sie in der Öffentlichkeit als
ai-Botschafter auf. Seit wann engagieren Sie sich für ai?
Roger Willemsen: Ich habe
mich schon, bevor ich zum Fernsehen ging, mit Afrika-Themen und der
Arbeit gegen Folter und Todesstrafe beschäftigt. Als ich dann mit
meinem Interview-Magazin auf Sendung ging, saß ich immer wieder
Opfern gegenüber – Folteropfern, Kriegsopfern, Opfern häuslicher
Gewalt, aber auch Politikern, die Menschenrechtsfragen mit Phrasen
beantworteten. Da empfand ich es nahezu als Pflicht, meine
öffentliche Wirkungsmöglichkeit der wichtigsten
Nichregierungsorganisation in Menschenrechtsfragen zur Verfügung zu
stellen und wurde Botschafter für amnesty international.
Der Kampf gegen die Todesstrafe ist ein
Kernanliegen von ai. Sie haben unter anderem ein Interview mit Roger
Keith Coleman geführt, der in den USA in der Todeszelle saß und
hingerichtet wurde.
Roger Willemsen: Das
TV-Interview werde ich nie vergessen. Ich habe Coleman per
Satelliten-Schaltung in der Todeszelle interviewt. Unserer Redaktion
war es wichtig, Coleman einmal so zur Sprache kommen zu lassen, dass
man seine Lebensumstände verstehen konnte. Was sieht er, wenn er aus
dem Fenster schaut, welches Foto steht bei ihm auf dem Tisch, hat er
Zugang zu seinen Prozessakten und so weiter.
Coleman wurde mit sämtlichen Formen der
Rechtsbeugung der Prozess gemacht, wie wir sie dem Iran nicht anders
unterstellen würden. Susan Sontag hat übrigens einmal gesagt, sie
sei im Grunde zur Vertreterin der amerikanischen Gegenöffentlichkeit
ernannt worden, weil sie gegen die Todesstrafe sei. Das reicht also
schon aus. Bis zuletzt hatten wir auf Colemans Begnadigung gehofft.
Am Abend seiner Hinrichtung waren zwei Redakteure von uns vor Ort.
Sie haben von dem riesigen Medienaufkommen berichtet, und dass sie
sich gegen Angriffe von Kollegen schützen mussten, als herauskam,
dass sie gegen dieses Urteil waren.
Als Henkersmahlzeit hatte sich Coleman eine Pizza
gewünscht. Von dieser Pizza hat er einem Journalisten ein Stück
abgegeben. Dadurch wurde bekannt, dass der Gefängniswärter diese
Pizza extra kalt serviert hatte. Das sind diese ganz kleinen, tief
barbarischen Züge des Durchschnittsmenschen, der zu Hause seine
Familie hat und der entscheidet, jemanden, der 18 Jahre in der
Todeszelle gesessen hat- und das nachgewiesenermaßen unschuldig-
persönlich zu bestrafen, indem er sich die Mühe macht, seine Pizza
abkühlen zu lassen.
Colemans Schicksal beschäftigt mich bis heute sehr.
Ich habe mehrfach darüber geschrieben. Für mich ist Literatur ein
permanenter Appell an die Fähigkeit, sich einzufühlen. Leser sein
kann man nicht, ohne Geschichten zu entziffern, und wenn man das
tut, dann entziffert man sie in sich selbst. Dass man dann da, wo
man ihnen in der Wirklichkeit begegnet, versucht, eine Antwort zu
finden, die nicht schriftlich ist, das zeichnet die Arbeit von ai
aus.
Sollten nicht auch die Medien Öffentlichkeit für
Menschenrechtsthemen schaffen?
Roger Willemsen: Nachrichten werden strohfeuerartig aufgenommen und genauso
schnell wieder vergessen. Sähen wir den Nachrichtenmachern beim
Auswählen der Meldungen zu, dann wüssten wir präziser, was unseren
Nachrichtenhaushalt leitet. Ich habe einmal auf der Basis von
Analysen Walter Michlers untersucht, wie viele Minuten sich die
„Tagesthemen“ mit Afrika südlich der Sahara beschäftigt haben, bevor
die Deutschen nach Somalia gegangen sind. Von insgesamt 11.000
untersuchten Sendeminuten „Tagesthemen“ entfielen gerade einmal
anderthalb Minuten auf dieses Gebiet.
Wir haben übrigens die „Tagesthemen" frühzeitig auf
den Fall Coleman aufmerksam gemacht, und die dortige Redaktion war
auch interessiert, aber nur an der Hinrichtung. Über die haben sie
berichtet.
Bevor ich in den Kongo gereist bin, habe ich
versucht, mich in den Medien über die politische Situation im Kongo
zu informieren. Die Artikel begannen mit den Sätzen: „Die kleine
Elsara liegt im Straßengraben, sie hat nur noch ein Bein...“ oder:
„Die Häscher kamen um Mitternacht...“ aber über die politische
Situation habe ich nichts erfahren.
All dies zeugt von einem obszönen Verhältnis zum
Grauen, und darauf versuchen Organisationen wie ai zu antworten.
Dieses kontinuierliche Andenken gegen das, was Medien an
Wichtigkeiten vorschreiben, muss selbstverständlich
werden.
In der Demokratischen Republik Kongo werden
derzeit rund 30.000 Kinder als Soldaten missbraucht.
Roger Willemsen: Der Weg
von uns bis zu diesen Kindern ist kürzer, als wir es vielleicht
wahrhaben wollen. Unsere Regierungen und unsere Firmen arbeiten mit
diesen Regimen zusammen. Waffen werden weiterhin unkontrolliert in
Krisengebiete geliefert, sie sind inzwischen immer leichter zu
bedienen und werden immer billiger. Ich hoffe sehr, dass die
ai-Kampagne für eine Kontrolle des Waffenhandels (siehe ai-JOURNAL
11/2003, Anm. d. Red.) weltweit eine breite Unterstützung
erfährt.
Wo sollte ai Ihrer Meinung nach in zehn Jahren
stehen?
Roger Willemsen: Nach dem
elften September 2001 hatte ich befürchtet, dass es
Menschenrechtsfragen außerordentlich schwer haben werden. Das hat
sich bewahrheitet. Bundeskanzler Schröder hat dabei gleich eine
doppelt ungute Rolle gespielt: Er kommt aus China zurück und
antwortet auf die Frage, ob er Menschenrechte angesprochen habe:
„Das war doch immer nur ein Ritual.“ Ich habe mehrmals chinesische
Dissidenten interviewt, die im Gefängnis gesessen haben, darunter
auch Wei Jingsheng. Überlegen Sie einmal, was es für diese Menschen
bedeutet, sich so einen Satz anhören zu müssen! Aber auch, was es
auch für Menschenrechtsorganisationen heißt, wenn sich jemand so zu
den Menschenrechten in China äußert, wo es Folter, öffentliche
Schauprozesse, Hinrichtungen in Fußballstadien gibt.
Und wenn derselbe Schröder bei seinem Besuch Putins
sagt, der Tschetschenien-Krieg müsse nach dem elften September neu
bewertet werden, dann möchte ich wirklich wissen, was die
Terroranschläge in den USA mit der Bewertung des Kriegs im Kaukasus
zu tun haben, wenn nicht, das es nun heißt, wenn uns Putin in der
„Allianz gegen den Terror“ hilft, dann machen wir ihm keinen Ärger
mehr in Tschetschenien.
Putin wurde auf der Buchmesse im Günter-Grass-Verlag
in einem Coffeetable-Book fotografisch sensibel gewürdigt. Da fragt
man sich, was in den Köpfen der Verlagsleute vorgeht und kann nur zu
der Antwort kommen: In puncto Menschenrechte zu wenig. Und wenn man das feststellt, dann
wird einem klar, dass ai mehr Unterstützung denn je braucht. Denn
wer sonst sieht das Thema Menschenrechte noch als seine Sache an?
Ich wünsche mir, dass ai die Bevölkerung erreichen
kann und dass sich in ai eine Gegenöffentlichkeit abbildet. Wenn das
funktioniert, dann hat ai das Potenzial, eine Form von
Massenbewegung einzuleiten, die am Ende sogar Politik verändern
könnte.
Interview: Nina Tesenfitz
Die Autorin ist stellvertretende Pressesprecherin
der deutschen ai-Sektion.